„Ein Verlag ist keine Erziehungsanstalt“

Ein Gespräch mit Marcel Hartges, Verleger und Verlagsleitung des Piper Verlages, über die kulturelle Aufgabe von Misserfolgen und das Vertrauen in die eigene Lektüreerfahrung.

Die Idee Marcel Hartges zu interviewen kam mir in der ersten Seminarsitzung. Im Jahre 2012 thematisierte er im Spiegel-Gespräch den Umgang mit der Rolle des Verlages als Wirtschaftsunternehmen ohne den Zeigefinger mahnend gegen den Verfall der Kultur zu erheben. Mein erster Impuls war die Hoffnung bei Hartges ehrliche Antworten über die Aufgaben eines im Markt ökonomisch erfolgreichen Verlages im Spannungsfeld zwischen Kultur- und Wirtschaftsauftrag zu bekommen.

Nach weiterer Recherche überzeugte mich noch ein anderer Punkt: Hartges Literaturauswahl ist vielschichtig. In der Öffentlichkeit wird sein verlegerisches Handeln häufig reduziert auf den Skandalerfolg von Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ und die Entdeckung des Juristen Ferdinand von Schirach als Autor. Ebenso, aber eher unbemerkt, landeten der für den  Booker Prize nominierte Schriftsteller Edward St. Aubyn und Pulitzer-Preisträger John Cheever mit Hilfe von Hartges auf den deutschen Bestsellerlisten. Diese Ambivalenz zwischen breit gefächertem Erfolg und einseitigem, öffentlichen Spiegelbild interessierte mich.  Ich traf Marcel Hartges in seinem Büro im Münchner Verlagshaus Piper.

Anja Engst: Anstelle einer kurzen Vorstellung: Wie würden Sie Ihre Aufgabe als Verleger beschreiben?

Marcel Hartges: Meine Aufgabe ist im Wesentlichen, die Programme des Piper Verlags auszuwählen und zu präsentieren. Dazu gehört, die richtigen Mitarbeiter zu suchen, die Bücher in angemessener Weise zu lektorieren, zu präsentieren und der Presse sowie dem Buchhandel zu verkaufen. Es ist eine komplexe Aufgabe, die bei einem Verlag dieser Größe eine Teamaufgabe darstellt. Wenn ich kritisch betrachte, womit ich wie viel Zeit verbringe, dann nimmt das Organisatorische wie zum Beispiel Sitzungen einen großen Raum ein. Das Tagesgeschäft widerspricht der klassischen Vorstellung von einem Verleger, der zu Hause sitzt, Manuskripte liest und dann am Abend weiß ob er das Buch verlegen möchte oder nicht. Bei ungefähr 500 neuen Titeln im Jahr ist das nicht mehr machbar.

A.E.: Als DIE ZEIT Sie als den „Stefan Raab der Buchbranche“ bezeichnete, erwiderten Sie in einem Spiegel-Interview, dass Sie sich unzutreffend beschrieben gesehen hätten. Wie lautet die passende Beschreibung für Sie?

M.H.: Ich habe nicht darüber nachgedacht, was eine adäquate Beschreibung wäre. Ich habe ein Paar Bücher verlegt, die eine Breitenwirkung hatten. Diese Bücher haben und brauchen wir. Es gehört zu meinen Aufgaben, die Aufmerksamkeit der Leute strukturiert auf einen Titel zu lenken. Manchmal hat man Manuskripte oder Autoren, die das von der Persönlichkeit hergeben. Besonders Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ war ein lautes Ereignis. Wenn so ein Potential da ist, gehört es zu meinen Aufgaben, zu überlegen wie ich das zur Geltung bringen kann. Allerdings veröffentlichen wir fünfhundert Bücher im Jahr. Mein Interessensspektrum ist breit gefächert. Ich habe diesen Vergleich außerdem als negativ empfunden.

A.E.: Haben Sie sich runter gebrochen gefühlt auf Unterhaltungsliteratur?

M.H.: Das sicher auch, auf das Krawallige und auf die Unterhaltung.

A.E.: Es gibt also in dem Sinne keine Marke „Marcel Hartges“?

M.H.:  So empfinde ich mich nicht und ich arbeite auch nicht aktiv daran. Der Verleger ist in einem Verlag weder der Star, noch ist er als Marke relevant. Wir versuchen das Profil des Piper Verlags zu schärfen.

A.E.: Das Profil des Piper Verlags ist meinem Eindruck nach eher bunt zusammengewürfelt.

M.H.: Wir verlegen ein breites Spektrum. Im Grunde genommen verlegen wir ein ähnlich breites Spektrum wie Rohwolt, Fischer oder der Deutsche Taschenbuch Verlag. Früher waren diese Verlage in ihre Ausrichtung literarischer. Der Buchmarkt hat sich in den letzten zwanzig Jahren dramatisch verändert. Wie viele literarische Bücher stehen noch auf der Bestsellerliste? – Es sind nicht viele. Die Programme sind mit dem Publikum immer populärer geworden. Das liegt nicht an den Menschen, die in den Verlagen arbeiten. Die meisten haben einen literarischen Zugang zu dem Beruf und interessieren sich für Literatur im Sinne von Hochliteratur. Die Mitarbeiter eines Verlags  sind sehr viel literarischer orientiert als das Publikum draußen. Aber Verlage sind auch Wirtschaftsunternehmen. Wir werden anders als andere kulturelle Einrichtungen nicht subventioniert. Am Ende des Tages müssen wir über die Runden kommen. Das ist dann die Mischkalkulation: Auf der einen Seite stehen Bestseller mit häufig populären Inhalten und auf der anderen Seite Bücher, mit denen wir kein Geld verdienen werden.

A.E.: Also ist ein Verlag fast schon ein Dienstleistungsunternehmen, das den Leser mit Literatur bedient, die ihn unterhält?

M.H.: Es ist jedenfalls keine Erziehungsanstalt. Früher hatte man die Idealvorstellung, dass die Verleger den Leuten draußen große Literatur nahe bringen können. Wenn es denn überhaupt je funktioniert hat, funktioniert das heute nicht mehr. Dennoch versuchen wir natürlich Programme auszuwählen, die wir vertreten können. Es werden auch Bücher ohne kommerzielle Erwägungen, aus sehr persönlichen und inhaltlichen Gründen verlegt. Menschen, die in Buchverlagen arbeiten,  haben Spaß am Lesen. Wir wollen mit Autoren arbeiten und den Prozess eines Buches begleiten. Das können wir aber nur tun, wenn dies ökonomisch erfolgreich ist. Ohne den ökonomischen Erfolg gäbe es keine verlegerische Freiheit. Insofern ist der ökonomische Erfolg die Voraussetzung, aber nicht das Ziel. Mit der Vielzahl der Titel entsteht auch ein Geschmacksprofil. Meistens wird dies mit den großen Erfolgen in Verbindung gebracht. Bei mir sind sie stark geprägt von Charlotte Roche und Ferdinand von Schirach.

A.E.: Nervt Sie das, auf Charlotte Roche festgenagelt zu werden? In den Interviews und Porträts, die man über Sie findet, sind ihre Bücher fast immer der Hauptgegenstand.

M.H.: Einerseits Ja. Tatsächlich habe ich zwei Bücher von Charlotte Roche verlegt und insgesamt in meinem Leben ungefähr 10.000 Bücher. Ich distanziere mich jedoch nicht von den Büchern, da ich die Bücher sehr gut finde. Für mich war „Feuchtgebiete“ ein Undergroundbuch , ein Subkultur-Projekt. Ich habe erwartet, dass es eine Diskussion anstoßen wird. Jedoch habe ich nie kalkuliert, dass wir davon Millionen Exemplare verkaufen werden. Insofern distanziere ich mich auf keinen Fall von den Büchern, aber es ist schmerzlich, wenn alle Interviews damit aufmachen.

A.E.: Sie haben gerade gesagt, dass Sie das Buch von Charlotte Roche überzeugt hat. Das gehört zwar nicht mehr zu Ihren ersten Aufgabenbereichen als Verleger, aber dennoch: Wonach wählen Sie Bücher aus oder haben Sie Bücher ausgewählt?

M.H.: Ich wähle sehr wohl viele Bücher noch selbst aus. Ich lese natürlich nicht alle fünfhundert Bücher als Erster, aber ich schaue mir die Bücher an. Gerade wenn sie teurer werden, muss ich hinter ihnen stehen können. Das Programm ist für mich keine Wundertüte, die ich nur geschickt organisieren muss. Ich muss das Gefühl haben, dass ein Buch etwas auf eine besondere, neue Art und Weise zum Ausdruck bringt. Wenn man diesen Eindruck gewinnt, sind das die großen Momente meiner Arbeit. Die großen Erfolge haben das meiner Meinung nach auch geleistet. Natürlich werden diese Bücher nicht immer ein Riesenerfolg. 10.000 oder 15.000 verkaufte Exemplare dringen nicht ins allgemeine Bewusstsein, für uns sind das aber schon erfolgreiche Zahlen.

A.E.: Können Bücher zum Beispiel auch am Programm oder am ökonomischen Erfolg scheitern?

M.H.: Wir haben ein breites Programm mit vielen unterschiedlichen Themenfeldern. Wenn uns etwas interessiert, finden wir eine angemessene Weise ein Buch zu platzieren. Schwierigkeiten bereitet uns eher, ein interessantes Buch auch zu bekommen. Viele Autoren haben bereits einen Verlag oder werden in komplizierten Verfahren auktioniert.

A.E.: Schickt man als Schriftsteller Ihnen ein Manuskript zu und wenn Sie es interessant finden machen Sie ein Angebot?

M.H.: Dieser Weg ist selten geworden. Heute bekommen wir in der Regel die großen Titel von Literaturagenten oder ausländischen Verlagen. Die Agenten verstehen es, die Bücher zu pitchen, so dass mehrere Verlage sich für die Werke interessieren. Das macht das Verfahren für die Verlage teuer und spekulativ. Das ganze Auswahlverfahren ist heute durchökonomisiert.

A.E.: Spielt Self-Publishing eine Rolle?

M.H.: Früher hat er keine nennenswerte Rolle gespielt und wurde belächelt, weil es keine Vertriebskanäle dafür gab. Heute ist Self-Publishing durch das Internet im digitalen Bereich interessant und spielt eine größere Rolle. In erster Linie sehe ich Self-Publishing jedoch als Weg für Autoren, die von Verlagen aus unterschiedlichen Gründen nicht angenommen werden. Self-Publishing ist eine gute Möglichkeit für kleines Geld zu publizieren. Die reine Publikation hat jedoch nichts mit dem Verlegen zu tun, wie wir das verstehen und betreiben. Bei Piper arbeiten hundert Mitarbeiter, die sich Gedanken darüber machen welche und in welcher Weise Bücher verlegt werden sollen. Das ist beim Self-Publishing nicht der Fall. Das Buch wird hochgeladen und dann kann der Autor über Social Media versuchen seine Bücher ins Gespräch zu bringen. Meistens gelingt das nicht.

A.E.: Also ist der Verlag kein aussterbendes Konzept?

M.H.: Meiner Meinung nach nicht. Wir müssen uns anderen Herausforderungen, Konfliktsituationen und Legitimierungsdiskussionen stellen als vor zehn Jahren. Besonders bei dem Thema Piraterie. Vor ein Paar Jahren wurde zum Beispiel eine große Diskussion um das Urheberrecht geführt. Viele Leute haben die Position vertreten, Inhalte sollten ungeschützt, jedem für lau zur Verfügung stehen. Ernsthaft!? Da wurde Verlagen und Autoren das ökonomische Existenzrecht abgesprochen. Das sind Diskussionen, die es früher nicht gab. Selbstverständlichkeiten sind ins Wanken geraten. Wir müssen uns auch unseren Autoren gegenüber stärker legitimieren, denn der ganze Service kostet ja. Wenn wir den Autoren nicht mehr erklären können, was wir machen, dann haben wir allerdings ein Problem.

A.E.: Sind Ebooks die Zukunft der Bücher?

M.H.: Ebooks werden ein fester Bestandteil der Zukunft sein. Sie werden sicherlich auch noch an Bedeutung gewinnen. Wie groß der Anteil der Ebooks am Ende am Gesamtmarkt sein wird – I don´t know. Ich vermute, dass wir in fünf Jahren ungefähr ein Drittel unserer Umsätze im Ebook machen, ein Drittel im Taschenbuch und ein Drittel im Hardcover.

A.E.: Wird das Format des Buches sich verändern – mit dem Ebook eröffnen sich neue transmediale Möglichkeiten…?

M.H.: Das war anfangs unsere Erwartung. Sie haben eingangs gefragt, was ich den ganzen Tag eigentlich so mache. Zum Beispiel mache ich mir Gedanken über die Zukunft des Buches im digitalen Zeitalter. Wir haben viele Diskussionen über Formate geführt, auch über die Enhancement Ebooks. Doch die Praxis zeigt: Menschen, die Ebooks kaufen, wollen eigentlich – Stand heute – lesen. So simple! Die Bereitschaft auch nur einen Euro mehr für Enhancements zu bezahlen, ist nicht vorhanden. Deswegen ist es zurzeit so, dass die Ebooks die digitale Umsetzung unser Pbooks sind.

A.E. Gibt es ein Buch, dessen Veröffentlichung besonderen Mut erfordert hat?

M.H.: Ja, „Feuchtgebiete“! Das hat wirklich Mut gekostet. Es kam zu vielen Anfeindungen, auch im privaten Umfeld.

A.E.: Stand der Verlag einstimmig hinter dem Buch oder musste dort Überzeugungsarbeit geleistet werden?

M.H.: Verlegen ist kein lupenrein demokratischer Prozess. Man muss auch schon einmal sagen: Ich möchte das jetzt machen! Bei DuMont gab es damals tatsächlich eine Auseinandersetzung zwischen mir und dem Eigentümer über das Buch. Mit dem Einsetzen des großen Erfolgs hat sich der Konflikt beilegen lassen. Das war eigentlich das einzige Mal, dass ich das Gefühl hatte, die Veröffentlichung eines Buches könnte auch meinen Job gefährden.

A.E.: Gibt es ein Erfolgskonzept nach dem Bücher erfolgreich auf dem Markt bestehen?

M.H.: Wenn es so eine Rezeptur gäbe, wäre ich steinreich und der Verlag würde mir gehören (lacht). Trotzdem glaube ich, dass man mit der Zeit ein Gefühl für interessante Geschichten bekommt. Wichtig ist ein Vertrauen in die eigene Lektüreerfahrung und die Erkenntnis, dass man nicht so außergewöhnlich ist. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass wenn ich ein Buch gut finde, es eine nennenswerte Anzahl von Leuten geben wird, denen das Buch gefällt.

A.E.: Hatten Sie auch schon einmal einen schwer zu verdauenden Misserfolg?

M.H.: Andauernd! Als Verleger hat man tendenziell mehr Misserfolge als Erfolge. Mindestens ein Drittel der Bücher, die wir publizieren, tragen dem Verlag Verluste ein. Mit einem weiteren Drittel verdienen wir kein Geld. Das Geld verdient man mit einer relativ kleinen Anzahl von Büchern. Mit diesen Büchern finanzieren wir ziemlich große Programme, insofern erfüllen für mich Verlage kulturelle Aufgaben. Wir versuchen nicht, die zwei Drittel wegzulassen, mit denen wir vielleicht nichts verdienen. Wir bieten ein bestimmtes Programm an und wir bieten Menschen, Autoren eine Chance sichtbar zu werden.

A.E.: Vielen Dank für das Interview!

M.H.: Sehr gerne!

 

München, August 2014

Anja Engst studiert im 3. Semester Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis. Sie mag Himbeereis und Dostojewski.

Marcel Hartges ist Leiter des Piper Verlages. Er studierte Germanistik, Spanisch und Soziologie und begann seine berufliche Karriere als Lektor beim Rowohlt Verlag in Reinbek bei Hamburg. 2006 übernahm er die Leitung des DuMont Buchverlages in Köln. Im April 2009 wechselte Hartges als Verleger zum Piper Verlag in München.