„Labor für Poesie als Lebensform“ – Ein Verlag zwischen Utopie und Tagesgeschäft.

Ein Gespräch mit Daniela Seel, Gründerin von kookbooks und Autorin.

Es gibt ein Jenseits des konservativen Literaturbetriebs: Daniela Seel steht mit dem Verlag kookbooks für eine junge, avantgardistische Alternative. Vor elf Jahren verwirklichte die Berliner Autorin gemeinsam mit dem Künstler Andreas Töpfer ein unkonventionelles Verlagsmodell, um eine Plattform für Gegenwartslyrik und hybride Textformen zu schaffen, für die es zuvor in der Verlagslandschaft keinen Ort gab. Von der Kritik wurde ihr verlegerisches Debüt emphatisch gefeiert. Auf die Frage, an welche Leserinnen und Leser sich ihr Verlag richte, antwortet sie „Ich bin meine eigene Zielgruppe.“ Sie versteht den Verlag kookbooks nicht als ökonomisch orientierten Dienstleister, sondern als Infrastruktur für einen Diskurs zeitgenössischen Schreibens. „Labor für Poesie als Lebensform“ ist der Slogan, der den Verlag zwischen Utopie, Experiment und Tagesgeschäft klug in der Realität des Literaturbetriebs verankert hat.
Der Erfolg von kookbooks zeigt: Ausgehend von Menschen, die – über einen quantifizierbaren Nutzen hinaus – Unternehmen und Institutionen neu erfinden, wachsen unsere Aussichten auf Veränderungen.

Mitte September, Haus der Berliner Festspiele, Daniela Seel nimmt sich Zeit für ein Gespräch. Sie kommt von den Jurysitzungen zum Treffen junger Autoren, einer der „angenehmeren“ Jobs, mit denen sie ihren Verlag querfinanziert. Beim Treffen junger Autoren haben wir uns vor einigen Jahren flüchtig kennengelernt, wir duzen uns – das scheint nicht zur Debatte zu stehen für die knapp 40-jährige Verlegerin, die erheblich jünger wirkt. Die Jurysitzungen finden parallel zum Internationalen Literaturfestival Berlin statt. Daniela Seel ist in diesem Jahr nicht aktiv daran beteiligt, sie habe zu viel anderes zu tun, sagt sie, doch immer wieder halten Freunde, Kolleginnen und Bekannte aus dem Literaturbetrieb an unserem Tisch und grüßen. Daniela Seel grüßt zurück, auf eine zurückhaltende, gleichzeitig verbindliche Art. Sie spricht auf den Punkt, aber nie lauter als nötig. Diese leise, aber bestimmte Art zeichnet sie – und auch ihren Verlag – aus. kookbooks ist ein Gegenentwurf zur gestrigen Verlagslandschaft. Der Verlag könnte eine Kampfansage sein, doch die Abgrenzung vom Rest des Literaturbetriebs steht bei kookbooks in keiner Weise im Vordergrund. Wenn Daniela Seel über ihren Verlag spricht, dann geht es um originäre Anliegen. Sie glaubt an das Potenzial von Lyrik, um Sprache und Denken verstehen zu lernen und auf diese Weise den Fragen der Zeit zu begegnen – und dafür braucht es eine Institution wie kookbooks, die aus programmatischer Überzeugung andere Akzente setzt als die klassischen Verlage. An diesem spätsommerlichen Abend macht sich das bemerkbar: Daniela Seel sitzt im Trubel des Who is Who des Internationalen Literaturfestivals – und das mit Gelassenheit. Sie ist zwar assoziiert mit dieser Szene, aber die Ideen für ihre Arbeit scheint sie aus der Distanz zu beziehen.

Antonia Rohwetter: kookbooks konnte sich sehr schnell als unabhängiger Verlag etablieren. Welchen Faktoren schreibst du den Erfolg von kookbooks zu?

Daniela Seel: Wir sind auf ein unverhofft großes Interesse gestoßen. Gerade die Radikalität unserer Haltung, sich in Zeiten, in denen sich immer weniger Leser*innen, immer weniger Verlage und Institutionen für Lyrik interessieren, gegen die Zeit und die allgemeine Tendenz zu stellen und zu sagen: Hier passiert Lyrik, es gibt interessante Stimmen und es lohnt sich, genauer hinzugucken, hat tatsächlich dafür gesorgt, dass wir wahrgenommen wurden. Natürlich hatte es auch damit zu tun, dass ich eine Frau und jung war. Das ist im Literaturbetrieb sehr unüblich. Auch die Gestaltung der Bücher durch den Künstler und Grafiker Andreas Töpfer hat maßgeblich dazu beigetragen. Aber dass wir auf so viel Wohlwollen und Zuspruch treffen und auch die Qualität der Texte gleich so deutlich erkannt werden würde, damit war nicht zu rechnen.

AR: Gibt es eine Verbindung zwischen den Autorinnen und Autoren, mit denen der Verlag gestartet ist, und der Künstlerplattform KOOK, die schon vor Verlagsgründung bestand?

DS: Aus den Werkstätten und Lesungen, die bereits unter dem Label KOOK stattfanden, waren sehr gute, druckfertige Manuskripte entstanden. Die Frage nach dem nächsten Schritt stellte sich ganz organisch: Warten wir auf Angebote von größeren, renommierteren Verlagen oder nutzen wir diese historische Gelegenheit, um einen eigenen Verlag zu gründen? Wir hatten einen Verlag vor Augen, in dem anders mit Texten umgegangen wird und der für sperrigere Textformate andere Formen von Sichtbarkeit erzeugt.

AR: Was macht kookbooks als Ort aus? Was kristallisiert sich dort?

DS: kookbooks ist ein politischer Ort. Es findet eine intensive Auseinandersetzung mit der Arbeit der anderen statt, aus der heraus verschiedene Projekte in verschiedenen Konstellationen entstehen. Wenn man die Presse verfolgt, ist die Rezeption von Lyrik stark entpolitisiert. Lyrik wird in einem Modus des Schönen verhandelt. Das ist eine unheimliche Verharmlosung. Schon allein weil Lyrik an einem wirtschaftlich prekären Ort stattfindet, entzieht sie sich diesem Wohlfühl- und Versorgungscharakter, der im Literaturbetrieb an anderer Stelle oft so eine Behaglichkeit erzeugt. Es geht nicht nur um eine Auseinandersetzung mit Schönheit und Erbauung, sondern um Erkenntnismöglichkeiten und Konflikte und darum, dafür eine Sprache zu finden. Das sind politische Fragen.

AR: Wenn man Gedichte liest, die bei kookbooks veröffentlicht wurden, vermittelt sich schon in der Bewegung des Lesens eine politische Kraft. Das Lesen dieser Texte ist im besten Sinne anstrengend. Es fordert einen aktiven Leser. Man kann die Gedichte nicht konsumieren, allein darin steckt schon etwas Widerständiges. Wie kommt es, dass zeitgenössische Lyrik noch immer als etwas Behagliches verhandelt wird?

DS: Es ist ein Instrumentarium an Kritik verloren gegangen, mit Lyrik umzugehen. Gleichzeitig hat sich das Lyrikverständnis kaum aktualisiert. Die zeitgenössische Lyrik ist anders als die, die man an der Universität oder in der Schule behandelt hat – vorausgesetzt, sie stand überhaupt auf dem Lehrplan. Aber die Kritiker*innen haben keine Werkzeuge, um Lyrik in anderen Kategorien zu beschreiben. Es gibt nur noch Wenige, die es auf sich nehmen, diese Auseinandersetzung zu pflegen und sich um eine Vermittlung zu bemühen.

AR: Ist ein Ort wie kookbooks auch notwendig, damit ihr als Autorinnen und Autoren auch gegenseitig als eure eigenen Kritikerinnen und Kritiker fungieren könnt?

DS: Je mehr sich die Lyrikszene von anderen Bereichen der Literatur und des Marktes abkoppelt und auf quasi verlorenen Posten steht, desto mehr sind es die Dichter*innen selbst, die Verlage betreiben, Festivals organisieren, Vermittlungs- und Kritikplattformen, sei es im Internet oder den traditionellen Medien, aufbauen. – einfach weil es sonst keiner tut. Wir wollen nicht den Anschluss an die Vermittlung verlieren. Wenn man sich nicht auf andere Institutionen verlassen kann, deren Aufgabe das eigentlich sein müsste, macht man es selbst, als aktive Selbstermächtigung, als Dichter*innenselbstverteidigung.

AR: Wenn man den Wikipedia-Eintrag über dich öffnet, heißt die erste Rubrik „Leben“. In dieser Rubrik geht es ausschließlich um deinen beruflichen Kontext – die Gründung von kookbooks, Veröffentlichungen, Stipendien und Preise. Die Fusion von Arbeit und Leben erscheint mir in dem kookbooks-Slogan „Labor für Poesie als Lebensform“ sehr stimmig auf eine Formel gebracht zu sein. Ließe sich das im Diskurs um die neoliberale Durchdringung des Alltags auch als Selbstausbeutung beschreiben?

DS: Die neokapitalistische Logik des Ichs als Entrepreneur setzt ideologisch auf Vereinzelung. Jeder kämpft für sich und so können gesellschaftliche oder systemische Probleme dem Einzelnen angelastet werden. Eigentlich steht kookbooks dieser Logik genau entgegen. Autor*innen sind von ihren Arbeitsbedingungen her Einzelkämpfer*innen. Weil das schon sozial prekär ist, immer auf sich zurückgeworfen zu sein, schafft kookbooks ein Forum, eine Community, die einen anders auffängt und nicht nur in einer wirtschaftlichen Dienstleistungseinheit wie in einem klassischen Verlag.

Redet Daniela Seel über kookbooks, merkt man: Dieses Unterfangen wird von Idealismus getragen. Mit ihrer Person steht sie vollständig für den Verlag ein. Die Unterscheidung zwischen Person und Funktion, zwischen privat und öffentlich, scheint sich darin abzuschaffen. Im ökonomischen Modell des Verlags bestätigt sich dieser Eindruck: Daniela Seel startete den Verlag als Ich-AG mit Unterstützung vom Arbeitsamt. Von Anfang an war sie darauf angewiesen, sowohl sich als auch den Verlag mit anderen Tätigkeiten zu finanzieren. . Auch die veröffentlichenden Autorinnen und Autoren verdienen nicht an dem Verlag, im besten Fall trägt der Verkauf der Bücher die Produktionskosten. Ein Einkommen bestreiten die Beteiligten durch Stipendien, Preise, Lesungen und Vorträge, zu denen auch die durch kookbooks hergestellte Öffentlichkeit und Reputation verhilft. Ohne Daniela Seels Bereitschaft, den eigenen Unterhalt und den Verlag mit Nebentätigkeiten querzufinanzieren, könnte dieser Verlag nicht existieren.

AR: Du selber widmest diesem Verlag all deine Zeit, agierst in vielen Funktionen gleichzeitig, als Verlegerin, als Kritikerin, als Lektorin und auch als Autorin. Du finanzierst ihn quer mit anderen Tätigkeiten. Empfindest du das nie als Selbstausbeutung?

DS: Oft wünsche ich mir mehr Zeit für meine eigenen Texte und dass ich nicht jeden Job, für den ich angefragt werde, auch annehmen muss. Aber die Verlagsarbeit ist eine sinnstiftende Arbeit und das ist ein Privileg. Ich habe diese Arbeit selber gewählt, das ist ein nicht zu unterschätzender Wert. Ich würde das nie als Selbstausbeutung bezeichnen. Natürlich wäre es schön, wenn es auf der Leitungsebene kollektiver zuginge und nicht alles an mir hinge, oder wenn wir einen Mäzen hätten, der so viel Geld geben würde, dass ich mir eine*n Mitarbeiter*in leisten könnte.

AR: Gibt es keine staatliche Unterstützung für die Verlagsarbeit?

DS: Das Problem als Verlag in Deutschland ist, dass Verlage wettbewerbsrechtlich als Wirtschaftseinheiten gedacht werden. Es ist also als Verlag rechtlich fast nicht möglich, Förderungen zu beantragen. In Österreich ist das anders. Da gibt es Verlagsförderungen, weil gesehen wird, dass Verlage auch eine Form der Kulturarbeit leisten. Hier gibt es nur die Möglichkeit, für einzelne Projekte unter bestimmten Richtlinien Gelder zu beantragen. Wir haben mittlerweile auch einen Verein, den gemeinnützigen KOOK e.V. gegründet, um mehr solcher Projekte, wie Lesereihen und Werkstätten, finanzieren zu können.

AR: Es ist geradezu paradox: Ein Verlag hat ein großes Renommee und steckt wirtschaftlich in einer prekären Lage. Das ist, als würden zwei verschiedene Anerkennungssysteme parallel laufen.

DS: Als Autorin ist es schon leichter seinen Lebensunterhalt zu verdienen als als Verlegerin. Als Autorin mache ich Kunst und im System Kunst gibt es Förderungen, Preise, Stipendien. Ich werde für Lesungen und Vorträge bezahlt. Der Bereich ist gut ausgestattet. Der Verlag darf – aus wirtschaftsrechtlicher Sicht – keine Kunst sein. Obwohl ein Verlag ja viel günstiger zu finanzieren wäre als die aufwendigen Apparate der darstellenden Künste zum Beispiel.

AR: Ja, die Kulturarbeit, die kookbooks leistet, ist offensichtlich vergleichbar mit anderen staatlich geförderten Institutionen – mit dem Unterschied, dass eure Verlagsarbeit immer der Gegenwart verpflichtet ist. Wie sorgst du dafür, dass sich dieser Gegenwartsbezug immer wieder aktualisiert?

DS: Es gibt immer mehr spannende neue Leute, als der Verlag Kapazitäten hat. Ich bin wahnsinnig gerne Leserin und Zuhörerin, lese in Magazinen, bekomme viele Impulse über meine Tätigkeit als Jurorin beim Treffen junger Autoren. Es gibt ein ungeheures Potenzial an widerspenstigen Künstler*innen, die sich für komplexere, experimentelle Formate interessieren. Neue Autorenbeziehungen entwickeln sich über Jahre: Man führt Gespräche, wächst hinein und das Buch kommt, wenn das Material so weit gewachsen ist. Durch die Lesereihe und das ganze Instrumentarium von KOOK können wir jungen Menschen, die vielleicht erst zwanzig sind, einladen bei KOOK zu lesen und ihnen helfen, in das Autorendasein hineinzuwachsen, ein professionelles Verhältnis zu Kritik und den eigenen Texten zu entwickeln. Was passiert, wenn mein Text veröffentlicht und damit vergemeinschaftet wird? Wie lässt sich dann darüber sprechen? Als wer spreche ich, wenn ich auf der Bühne meine Texte lese? Das sind sehr diffizile Verhaltensformen, in die man sich einüben muss. Mit der Einsendung eines Manuskriptes ist es nicht getan. Wir versuchen deshalb, junge Autor*innen in die Projektarbeit von KOOK mit einzubinden. Wir sind also auch ein Ort für das Einüben einer Autorenexistenz.

AR: Was sind Strategien, um neue Orte zu erschließen oder Orte offenzulegen, an denen Literatur stattfindet?

DS: Das können die unterschiedlichsten Dinge sein. Im Augenblick interessiert mich eine Form von inszenierter Landschaft, das Auseinanderfallen von einer erlebten Natürlichkeit und Landschaft als etwas Gestaltetem. Lange haben mich installierte Innenräume sehr fasziniert und auch die meisten meiner Texte spielen in stark umgrenzten Räumen, in denen es eine Unheimlichkeit aus Enge gibt. Vor Kurzem war ich für ein Stipendium sechseinhalb Wochen in Island. Die Landschaft dort ist von Leere geprägt, von Wüstenhaftigkeit und Baumlosigkeit, wie wir sie aus dem zugestellten, überwucherten Mitteleuropa nicht kennen. Diese Fülle von Kargheit hat mir eine ganz andere Intensität eröffnet. Es ist eine interessante Herausforderung für mich, mit solchen Räumen und Feldaufnahmen zu arbeiten. Wie kann man sich als Stimme in einem Raum bewegen, in dem man eigentlich sofort verloren ist? Wie nimmt man Bezug auf die einen umgebende Landschaft? Von welchen Landschafts- und Kindheitserfahrungen, aus welchem Umfeld, von welchen medialen Eindrücken ist unser sprachgebundenes Weltwissen geprägt, wenn wir beispielsweise an das Wort Prärie denken? Diese Inszeniertheit von Vorstellungen fasziniert mich.

AR: Wie aus Landschaftserfahrungen Texte entstehen, kann ich mir vorstellen. Welche Möglichkeiten gibt es, Räume wiederum mit Texten zu konfrontieren?

DS: Beim Prosanova-Festival in Hildesheim habe ich mit dem Autor und Musiker Robert Stripling eine Performance in einer Rauminstallation von Maren Kames gemacht. Ein Weißraum, der mit fast durchsichtigen, weißen Verschalungen eingefasst war, sodass das Licht ganz diffus wurde. Wir haben nur das Publikum in diesen Raum gelassen und den Text aus einer Art Regieraum hinter einer verspiegelten Fläche heraus über die Soundanlage eingesprochen. Das Einzige, was sich im Raum befand, war ein Schlagzeug, auf dem Robert einige Passagen live gespielt hat. Wir haben mehrstimmig, mit Feldaufnahmen, im Netz gefundenen Videos und Geräuschkompositionen, mit Leere und Orientierungslosigkeit experimentiert. Das Publikum wusste nicht, wohin es seine Aufmerksamkeit lenken soll. Mit überraschenden Räumen zu arbeiten, mit ungewöhnlichen Stimminszenierungen, live und doch nicht live, das interessiert mich. Welche Formate kann man entwickeln, die zwar literarisch sind, aber das gängige Literaturverständnis und konventionelle Rezeptionsformen unterlaufen?

AR: Stichwort Globalisierung: Das Theater, das lange an Sprachgrenzen gebunden war, erlebt unter Einfluss der performativen Künste eine Art Internationalisierung. Produktionen werden von internationalen Partnern kofinanziert und touren um die ganze Welt. Manche entbehren die Sprache, andere finden Möglichkeiten der Übersetzung oder spielen mit dem Nicht-Verstehen. Das zentrale Medium der Lyrik ist die Sprache. Wie begegnet die Lyrik einer globalisierten, interlingualen Welt?

DS: Das ist im Augenblick tatsächlich eines der zentralen Themen. Wie gehen wir eigentlich mit Sprachmigration, mit Interlingualität um? Welche Formen gibt es, Mehrsprachigkeit in Texten stattfinden zu lassen? Es gibt immer mehr Leute, die mehrere Sprachen beherrschen und sehr selbstverständlich dazwischen switchen. Es wäre künstlich, das aus der Lyrik rauszuhalten. Aber wie kann es Eingang finden in eine weiterhin „verstehbare“ Literatur? Dieselbe Frage stellt sich für Material-, Recherche- und Zitattechniken, die nach einem aktualisierten Autorenbegriff verlangen: Wie arbeiten Autori*innen, wenn sie nicht alles aus sich selber schöpfen? Aber um zurückzukommen zur Globalisierung: Die Förderstrukturen für Literatur in Berlin sind stark nationalsprachlich geprägt und blicken weniger über den eigenen Tellerrand als andere Disziplinen. Die Berliner Literatur ist zwar lokal verortet, passt aber trotzdem nicht in die vorhandenen Förderschubladen. Man könnte sie als post-deutsche deutsche Literatur bezeichnen. Wie müssen Förderinstrumente weiterentwickelt werden, welche Übersetzungen sind nötig? Müsste es nicht längst möglich sein, sich als nicht-deutschsprachigeAutor*innen, die schon lange hier leben und arbeiten, für ein Autorenstipendium zu bewerben? Was ist mit nicht papier-basierten Formaten, mit computergesteuerter oder installativer Textarbeit? Ist das im Sinne der Förderinstrumente noch Literatur? Wir engagieren uns in der Koalition der freien Szene und besprechen diese Fragen auch mit Politik und Verwaltung. Zurzeit planen wir zum Beispiel mit verschiedenen auch internationalen Akteur*innen der freien Berliner Literaturszene ein Festival, um deren Vielsprachigkeit herauszustellen und zu befragen und die Vernetzung zu stärken. Welche Sprachräume sind in Berlin vertreten? Welche Kontakte gibt es überhaupt zwischen den einzelnen Sprachcommunities? Sind es eher Nischen, weil es anders als im Tanz oder der Performance keine gemeinsame Grundlage gibt?

Wie aufs Stichwort kommt der Berliner Autor aus Kalifornien Shane Anderson vorbei. Daniela: We were just talking about post-german german literature and authors. Maybe you’re one of them! Shane: Maybe I’m one of them. Ich muss los. Ich lese in fünf Minuten.

AR: Hast du ein unrealisiertes Projekt?

DS: Wir haben etliche Baustellen. Eine große Baustelle ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen dem System Kunst und dem System Literatur, die in unserem Gespräch auch schon mehrfach angeklungen ist. Es gibt in der bildenden Kunst momentan so viele textbasierte Arbeiten. Wie verhält sich das zur Literatur? Ist es eine Literatur, die sich von der literarischen Rezeption abgekoppelt hat? Verändern diese Arbeiten auch das Literaturverständnis oder bislang eher das Kunstverständnis? Welche Wechselbeziehungen gibt es? Kenneth Goldsmith wurde zum Poet in Residence im MOMA ernannt. Dichter, die konzeptuell und visuell arbeiten, stellen bei der Whitney Biennale aus. Das sind spannende, neue Zusammenkünfte. Ein Gedicht hat ja von vornherein eine stark visuelle Form. Darüber möchten Rike Scheffler, deren Debüt gerade bei kookbooks veröffentlicht wurde, und ich gerne einen Kongress organisieren. Momentan sind wir noch auf der Suche nach einem geeigneten Kooperationspartner aus der bildenden Kunst. Woher kommt das Interesse bildender Künstler, mit Text zu arbeiten? Woher kommt das Interesse von Autor*innen, sich in Kontexten der bildenden Kunst zu bewegen?

AR: Formate, die die Genregrenzen verschieben und auflösen, sind in den anderen Künsten geradezu üblich geworden. Im Literaturbetrieb sind Projekte wie die von Kenneth Goldsmith eher die Ausnahme. Die Literatur scheint an das Buch gefesselt zu sein. Könnte man sagen: Sie riskiert, an dem Ort zu bleiben, an dem sie sich abschafft?

DS: Gerade für die üblichen Lesungsformate stellt sich diese Frage. Was passiert eigentlich während einer Lesung mit den Körpern der Rezipierenden? In einer von Gottesdienst- und generell Anbetungsarchitektur geprägten, sakralen Raumsituation gibt es eine klare Ausrichtung und Stillstellung des Körpers. In der bildenden Kunst, in einem Museumsraum ist das häufig ganz anders – man kann sich frei bewegen, verschiedene Perspektiven einnehmen.

AR: Man ist mit Objekten konfrontiert, zu denen man sich autonom in Beziehung setzen kann. Über die Bücher von kookbooks könnte man das auch sagen. Die Gestaltung und Haptik macht die Bücher zu Objekten, mit denen man sich gerne umgibt.

DS: Genau! Man soll gerne mit ihnen zusammenleben, sie mit sich tragen. So kann auch in der Erfahrung mit dem Buch eine andere Zeitlichkeit entstehen.

kookbooks sind wirklich schön. Sie haben keinen Festeinband, sondern sind broschiert. Das gibt ihnen die Flüchtigkeit eines Taschenbuches, gleichzeitig sind sie mit zartem Papier und sorgfältigem Druck hochwertig produziert. Der Textsatz und die Art des Druckes geben jeder Seite eine Bildlichkeit. Die grafischen Zeichnungen von Andreas Töpfer, die die Umschläge gestalten, illustrieren die Texte nicht, sie bieten eine Übersetzung an. Man will ein kookbook nicht nur lesen, man will es anschauen, berühren und bei sich tragen.

AR: Das Buch als Ding. Liegt in dieser Verschiebung vom Buch als Produkt zum Buch als Objekt möglicherweise eine Zukunft für das Buch?

DS: Je digitaler Literatur wird, desto haptischer wird das Buch. Vinyl-Platten sind auch wiedergekommen. Deshalb mache ich mir weniger Sorgen um das Buch als um Orte wie kookbooks. Je mehr Digitalisierung stattfindet, desto schwieriger ist es, Orte aufrechtzuerhalten, an denen man etwas Bestimmtes auffindet, zu dem man sich in Bezug setzen kann. Orte wie kookbooks müssen bleiben und weitergeführt werden, weil sich an ihnen etwas kristallisieren kann.

Berlin, 14. September 2014

 

Antonia Rohwetter beschäftigt sich mit Fragen des Kuratierens und Vermittelns, des Partizipierens und Versammelns im Zwischenraum von Bildender Kunst und Performance. Sie ist 23 Jahre alt und studiert Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis.

Daniela Seel, geboren 1974 in Frankfurt/Main, lebt in Berlin. 2003 gründete sie, mit dem Buchkünstler und Illustrator Andreas Töpfer als festem freien Art Director, kookbooks – Labor für Poesie als Lebensform. Ihre Gedichte erschienen in Zeitschriften, Zeitungen, Anthologien, im Internet und im Radio, darunter Zwischen den Zeilen, Edit, Neue Rundschau, Sprache im technischen Zeitalter, lauter niemand, DLF Lesezeit, FAZ, poetenladen.de, Lyrik von Jetzt (DuMont 2003) und Jahrbuch der Lyrik (S. Fischer 2009). Für ihr verlegerisches Engagement erhielt sie den Kurt-Wolff-Förderpreis 2006 und den Horst-Bienek-Förderpreis 2007. Ihr erster Gedichtband »ich kann diese stelle nicht wiederfinden«, kookbooks 2011, wurde mit dem Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, dem Ernst-Meister-Förderpreis und dem Kunstpreis Literatur von Lotto Brandenburg ausgezeichet.

 

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