“Kinder sind erst einmal daran interessiert, ein Spielzeug zu zerstören.” – Über relationale Gebäude und die produktive Zerstörungskraft von Kunst.

Ein Gespräch mit Stefan Hilterhaus, Gründer und Künstlerischer Leiter von PACT Zollverein.

Ein Ort, der gespannt macht auf das, was an ihm entwickelt wird! Architektonisch hat die ehemalige Waschkaue der Zeche Zollverein sich kaum verändert, seitdem hier 1986 die letzten Bergleute das Brausebad verlassen haben und die Kohleförderung eingestellt wurde. Seit 2002 ist PACT Zollverein hier, im Essener Norden, in Katernberg beheimatet. Das Zentrum für performing arts und Choreografie, das aus der Kooperation zwischen der Tanzlandschaft Ruhr und dem Choreografischen Zentrum NRW entstanden ist, arbeitet an der Weiterentwicklung zeitgenössischer Kunstformen. Einmalig ist dabei die Verbindung dreier Arbeitsfelder: Künstlerresidenzen, interdisziplinäre Plattformen und ein profiliertes Bühnenprogramm. Neben der Produktion und Präsentation künstlerischer Arbeiten widmet sich PACT Zollverein besonders der Entwicklung neuer, experimenteller Denk-, Lern- und Arbeitsmodelle.

Wir sitzen auf Sofas im weiträumigen Foyer, die große Fensterfront gibt die Sicht frei auf das ehemalige Zechengelände. Wir versuchen mit unseren Blicken das zu greifen, was uns zuvor unmittelbar atmosphärisch in den Ort hineingesogen hat. Transparenz, Porosität, Dynamik, alles Begriffe, die in der Arbei PACT Zollvereins wiederzufinden sind. Stefan Hilterhaus, künstlerischer Leiter und Initiator setzt sich zu uns, mit Kuchen vom italienischen Bäcker. Die Stimmung ist auf eine besondere Art und Weise persönlich, das Interesse aneinander ein gegenseitiges. Stefan Hilterhaus, in dessen Werdegang sich der mulitidisziplinäre Ansatz der Arbeit PACT Zollvereins wiederfindet, begegnet uns mit einem aufmerksamen Enthusiasmus.

Frederike Ronnefeldt: Wo kommen Sie gerade her? Was beschäftigt Sie aktuell?

Stefan Hilterhaus: Im Moment bin ich an einem Mitdenkprozess beteiligt, bei dem es um die Neugestaltung des Wuppertaler Schauspielhauses geht. Gestern Abend habe ich vor einer Wuppertaler Gesellschaft über das Konzept gesprochen, was ich dazu ausgearbeitet hatte. Wie soll dieses brachliegende, große Objekt in der Innenstadt von Wuppertal in Zukunft genutzt werden? Das war das letzte, was mich noch in die Abendstunden und in die Nacht hinein begleitet hat.

Manischa Eichwalder: Ein neues Großprojekt neben PACT?

SH: Das kürzlich genehmigte Konzept habe ich 2012 auf Anfrage geschrieben. Mein Auftrag ist damit offiziell abgeschlossen, aber natürlich bekommt das Thema jetzt wieder eine Aktualität. Wir sind ohnehin sehr überrascht, wie schnell das Projekt nach der ersten Inspiration Fahrt aufnimmt und wie viele Leute sich dafür einsetzen, dass es real wird. Es geht dabei um ganz elementare Fragen: Was für einen Auftrag hat ein öffentliches Gebäude heutzutage? Was braucht eine Gesellschaft eigentlich außer einem schönen Abendprogramm, das doch hoffentlich auch das Cinemax nebenan liefern kann?

FR: Bei einem Blick auf Ihren Lebenslauf beeindruckt eine erstaunliche Vielfalt unterschiedlicher Ausbildungen. Neben einem Studium in Romanistik und Geschichte und einem Tanzdiplom haben Sie außerdem eine Bootsbaulehre gemacht. Wie blicken Sie heute auf diese unterschiedlichen Abschnitte und Erfahrungen zurück? Gab es prägnante Situationen oder Wendepunkte, die für Sie besonders relevant waren?

SH: Natürlich gab es entscheidende Wendepunkte. Nur werden diese Situationen einem ja erst im Nachhinein als prägend bewusst. Es gab ganz pragmatische Momente, wie zum Beispiel die Entscheidung, nachts um elf auf der Autobahn, doch noch zu einem Freund an die Ostsee zu fahren, wo ich dann die Welt des Bootsbaus kennenlernte, die für mich völlig neu war und mich extrem faszinierte. Das war ein Kutterbetrieb, also ein sehr archaisches Handwerk. Man muss sich diese großen Hallen vorstellen, in denen 25 Meter große Holzgerüste stehen, die aussehen wie Fische und noch beplankt werden, wie vor zwei-, dreihundert Jahren. Dazu kommt der Geruch von den gedämpften Planken. Bootsbau ist ein sehr sinnliches Erlebnis!
Damals wusste ich natürlich noch nicht, dass für mich nun ein völlig neuer Lebensabschnitt begann. Aber ich denke, das Loslösen aus meinem bisherigen Kontext, das war im Grunde genommen die Motivation für diese Entscheidung. Bis dahin war für mich ein akademisches Studium vorgezeichnet. Die Welt des Bootsbau unterschied sich diametral davon. Alles war plötzlich real: das Handwerk, das Wasser. Das bedeutete ein völlig anderes Leben.

FR: Bootsbau und Tanz – auf den ersten Blick zwei völlig unterschiedliche Metiers. Gibt es für Sie dennoch Analogien? Und gibt es etwas aus der Zeit im Bootsbau, auf das Sie heute, als künstlerischer Leiter von PACT Zollverein, noch zurückgreifen?

SH: Auch wenn ich mir die sicherlich konstruiere, gibt es meiner Ansicht nach ganz eindeutige Analogien zwischen Tanz und Bootsbau. Im Grunde genommen ist ein Boot ja ein Körper, also ein komplett eigener Organismus, der als Ganzes funktioniert. Und im Gegensatz zu anderem Handwerk – wie zum Beispiel dem Möbelbau – ist ein Boot ein dynamisches Objekt, also durchaus vergleichbar mit einem Körper der sich bewegt.
In meiner Tanzausbildung hat mich die Arbeit mit Schwerpunkten im Körper viel beschäftigt: Was sind Schwerpunkte im Körper und wie lassen sie sich zum Beispiel verschieben? Was passiert, wenn das Zentrum plötzlich nicht mehr in der Mitte liegt, sondern in den Füßen, wenn ich einfach mal meine Bewegungen über die Füße denke? Oder ich habe meinen Schwerpunkt im Ellbogen, oder verschiebe ihn ständig.So entsteht ein völlig anderes Körperbild und eine ganz andere Bewegungsform. Analog dazu spielt die Frage nach dem Schwerpunkt eben auch im Bootsbau eine entscheidende Rolle. Man meint ja schnell, ein Boot würde kentern sobald es schräg liegt. Richtig ist allerdings, dass es umso stabiler ist, je stärker es kränkt, da sich durch die Gegenbelastung des Kiels der Schwerpunkt vergrößert.
Doch zurück zu Frage: Ob ich heute noch darauf zurückgreife? Der Bootsbau hat mir einen Pragmatismus mitgegeben, der mir heute noch viel Wert ist. Denn so sehr ein Boot auch als einheitlicher Organismus funktioniert, ist es eben auch immer extrem angepasst an sein Territorium. Es muss genau abgestimmt sein auf das jeweilige Gewässer und dessen spezifische Naturkräfte, wie Wellen und Wind.

FR: In welcher Form taucht der Pragmatismus bei Ihrer Arbeit hier bei PACT wieder auf?

SH: Eine Form, mit der ich immer gerne arbeite und die durchaus etwas sehr Pragmatisches hat, ist: Setzungen zu machen. Wir können ja ewig über eine Sache reden und sie in alle Richtungen diskutieren und immer wieder in Frage stellen. Doch häufig ist es extrem wichtig, eine Setzung zu machen. Gut durchdacht und gleichzeitig sehr riskiert etwas zu behaupten, um damit gleichzeitig etwas zu befragen.
Zum Beispiel bei der Tanzlandschaft Ruhr: Sie war Wegbereiter für PACT Zollverein und es ging genau darum: Setzungen machen, exemplarische Projekte durchführen. Es gab keinen Masterplan, es gab keine große Erfahrung in den Bereichen. Wir veranstalteten zum Beispiel clubbingnights mit Performancekünstlern oder ein Symposium über Tanz und Technologie. Das waren sehr experimentelle Projekte, mit denen wir vor allem überprüfen konnten, was funktioniert, wo man weiterdenken kann und wie sich die einzelnen Kunstsparten weiterentwickeln lassen. Was dabei auch wichtig war, und woran wir seit 2002 und heute noch bei PACT auf allen Ebenen arbeiten, ist die Frage danach, wie man Räume schaffen kann, die zum Kooperieren einladen.

ME: PACT versteht sich als Haus mit modellhaftem Charakter. Wie beschreiben Sie, was hier im Haus passiert und was es zu einem Modell macht?

SH: Der Begriff des Modells ist insofern schwierig, weil man denken könnte, ein Modell sei etwas, wo dann irgendjemand hinkommen muss. Nein! Deswegen ist diese These von Sedlacek so richtig: Wir sind unsere Modelle! Aber bis es soweit ist, muss man eben viel behaupten, ausprobieren, überprüfen.
Im Grunde ist PACT Zollverein ein relationales Gebäude. Wenn man mich fragt: “Was machst du?” Dann werde ich antworten: “Ich mache mein Bühnenprogramm.” – “Und was noch?” – “Ja, dann sind da noch die Residenten.” – “Ja, und dann?” – “Ja, dann haben wir die Plattformen. Und die Residenten, die nehmen manchmal an den Plattformen teil und nachher, dann gehen sie auf die Bühne. Oder sie treffen die Bühnenkünstler und gehen mit ihnen in eine Residenz.” Das ist permanente Praxis. Dabei geht es vor allem um das Agieren dazwischen, um diesen Raum dazwischen. Diese Art von kommunikativem, interagierendem Raum – das ist es, was wir dringend brauchen! Räume, in denen experimentiert und geforscht werden kann. Es geht um das Zusammenspiel zwischen der Atmosphäre und den Akteuren.

FR: Die Tanzlandschaft Ruhr bestand, wie Sie gerade beschrieben haben, aus einzelnen Projekten. Mit PACT Zollverein leiten Sie nun eine Institution. Man mag vermuten, dass dies ganz andere Möglichkeiten und auch Einschränkungen mit sich bringt. Wie stehen Sie zum Trend der Projektemacherei und was charakterisiert im Vergleich dazu die Arbeit in einer Institution?

SH: Das ist eine sehr wichtige Frage. Ich glaube, was wir mit der Tanzlandschaft Ruhr erreicht haben, ist das, was man bestenfalls mit Projektarbeit erreicht, nämlich Verstetigung. Aber auch bei PACT haben wir von Anfang an sehr darauf geachtet nicht sofort in vorgegebenen Strukturen festzustecken und uns nur darum zu kümmern, dieses Haus am Laufen zu halten. Es war uns sehr wichtig, von Anfang an eine Porosität und Durchlässigkeit zu schaffen. Diesen etwas festgefahrenen, bremsenden Einfluss, den trägt jede Institution in sich. Ich bin nur extrem sensibel, was das Beobachten und Hinterfragen von Entscheidungen angeht. Die Veranstaltung “Impact” machen wir zum Beispiel schon seit zehn Jahren. Aber jedes Mal, wenn wir ein Impact machen, wissen wir, dass es sein könnte, dass wir es beim nächsten Mal nicht mehr machen. Wir gucken immer, ob es noch das Richtige ist, fragen uns, ob wir es zwei Tage länger oder fünf Tage kürzer machen, ob mit ganz anderen Leuten oder nur denselben, ob nur mit Theorie oder nur mit Praxis. Und das funktioniert hier nur, weil dieses Haus eben ständig interagiert. Dieser interagierende Raum, in dem es um unlösbare Probleme, um Fragilität geht, das ist der Kern. Und der wiederum bleibt nur mit der Stabilität des Hauses bestehen, mit den Mauern, die diese Verletzlichkeit aushalten. Dazu kommt die Sicherheit zu wissen: ich kann es nächstes Jahr wieder machen. Und die Freiheit sagen zu können: Ich muss es nicht wieder machen.

FR: Wie lässt sich diese Freiheit und auch die eben beschriebene Fragilität aufrecht erhalten, angesichts einer eher prekären finanziellen Lage im Kulturbereich?

SH: Wir hatten zu Beginn von PACT das große Glück, ein paar Jahre mit stabiler Finanzierung arbeiten zu können, ohne von Einzelförderanträgen abhängig zu sein. Die Gefahr ist groß, in Förderkorridoren stecken zu bleiben, welche die Arbeit in einer Institution massiv vorbestimmen können. Man muss dann aktuelle oder vermeintlich aktuelle Problemstellungen bearbeiten, die von der Kunst jetzt gerade mal gelöst werden sollen. Wir hatten es in diesem Fall leichter und konnten unabhängig von Trendthemen agieren. Daraus ergibt sich der Vorteil – und das ist der klare Vorteil einer Institution – dass wir nach ein paar Jahren Strukturen, Praxismodelle, künstlerische Resultate vorzuweisen hatten.

FR: Was bleibt von der Freiheit der Kunst, wenn sie vorgesetzte Probleme bearbeiten soll?

SH: Es gibt diesen Spruch: “Kinder sind bei Spielzeug zunächst daran interessiert, es zu zerstören.” Ich finde das ein sehr schönes Bild dazu! Gerade wenn die Kunst in diesen Bereich der Kreativwirtschaft hineingebracht wird, birgt das natürlich eine große Gefahr. Häufig wird unter dem Deckmantel kreativer Kulturinstitutionen viel Rhetorik betrieben, um zum Beispiel in die Städte einzuwirken. Die Künstler werden dabei funktionalisiert. Ein Optimierungsbeispiel, wie viele andere. Aber die Kunst – und deshalb ist dieses Bild des lustvollen Zerstörens so treffend – ist für mich natürlich viel interessanter, wenn sie Systeme befragt und zwar so intensiv, dass sie vielleicht nicht mehr funktionieren. Gerät man an diese Grenzen, stößt man auf die Schwierigkeit einer Institution.

ME: Ist das Befragen von Systemen durch die Kunst von gesellschaftlicher Relevanz? Liegt darin eine Aufgabe von der Arbeit bei PACT?

SH: Wir versuchen mit der Kunst eine vermittelnde Position einzunehmen und damit andere Perspektiven zu eröffnen. Meiner Meinung nach, eine höchst relevante Aufgabe innerhalb einer Gesellschaft. Diese Perspektiven entstehen aus einem ganz bestimmten Begriff von Körperlichkeit, der das, was grundsätzlich erst einmal da ist, beobachtet, um aus der Beobachtung heraus weiter zu arbeiten. Jeder kognitive Prozess ist ein Wahrnehmungsprozess. Unser Denken, unser Umgang mit Welt wird gleichzeitig körperlich wahrgenommen. Unser Körper hat ein seismographisches Gespür für Veränderungen.
Von meinem früheren Lehrer Jean Cebrón an der Folkwang Hochschule wurde ich dahingehend sehr inspiriert: Anstatt eine Wirkung zu antizipieren, konzentrierst Du Dich auf die Präzision einer Bewegung. Du suchst sozusagen in der Bewegung nach der Wirkung. Im Prinzip gilt das für jedes unsichere Terrain.Spannend finde ich, wenn dieses Prinzip in anderen Bereiche übertragen wird, etwa auf die Wissenschaften, von denen wir heute wissen, dass sie hauptsächlich auf Imagination aufgebaut sind. Ob Ökonomie oder Politik – alles Imagination, alles Performation, alles nur Projektion. Banken brechen in einem Tag zusammen, wenn wir nicht mehr dran glauben. Insofern haben diese Systeme im Kern dieselben Prinzipien, um die wir uns hier bewegen. Das System, der Körper, gibt Anlass zu Ideen und gedanklichen Konstruktionen, die dann in Form von Behauptungen nach außen projiziert werden.

ME: Behauptungen, die dann aber erst durch gesellschaftliche Akzeptanz existent werden. Und wie funktioniert es, dieses Prinzip der Behauptungen oder Setzungen aufzugreifen und auf soziale Strukturen zu übertragen?

SH: Durch die Möglichkeit zur Alternative eröffnen wir ganz neue Perspektiven. Und dieser Schritt kann viel bewegen!
In den letzten Jahren gab es hier in Katernberg regelmäßige Treffen der Sozialraumkonferenz, bei denen Akteure der unterschiedlichen Kulturkreise, Religionsgemeinschaften, Sportvereine, Schulen und Kindergärten zusammen gekommen sind. Wir haben die Sozialraumkonferenz irgendwann dazu eingeladen, in unseren Räumlichkeiten zu tagen, wodurch die Diskussionen über gemeinsam zu bewältigende Themen einen anderen Rahmen bekommen haben. Auf PACT ist dann die Idee zu einem Symposium entstanden. In „Explorationen“ haben wir dann den Kreis geöffnet und sind mit interessanten Referenten über Lernen, Lehren und Vermittlung ins Gespräch gekommen. In dieser Zusammenarbeit sind viele neue Ideen entstanden.
Aktuell planen wir zum Beispiel das Projekt „Katernberg blitzt auf – Streifzüge durch den Stadtteil“ nach dem Vorbild der White Nights in großen Metropolen, in denen Kunstinstitutionen wie Museen oder Konzerthäuser die ganze Nacht kostenlos geöffnet sind. Im Grunde eine klassische Art von Stadtteilarbeit aber mit einem künstlerischen Aspekt. Die Kunst muss nicht nur virtuos sein, nicht nur erotisch, nicht nur klassisch.

ME: Wie zeichnet es sich dabei aus, mit der Kunst und nicht mit einer wissenschaftlichen Praxis zu arbeiten?

SH: Wir haben hier im Haus die Möglichkeit mit Zeit und Raum ganz anders umzugehen.Und da gibt es besonders in der Kunst und vor allem in der Architektur interessante Vorschläge. Architekten gehen oftanfassbarer, konkreter mit den Themen um.
Diese Übersprünge von einem Medium ins andere sind für mich immer schon mitgedacht. Sie zeigen auf, dass es eine Alternative gibt zu dem, was du tust. Es gibt eine Option, du kannst sie ausprobieren und sie könnte funktionieren.

FR: Ist abzuschätzen, ob diese kooperative Art von Zusammenarbeit langfristig belastbar ist? Konkret: Was sind Ihre Zukunftspläne?

SH: Wenn wir von internationalen Kooperationen sprechen, stecken wir dabei immer noch in den problematischen Waren- Handelsbeziehungen alter Praktiken. Wir reisen in Länder und kaufen Themen, Arbeiten und Projekte, die wir gerade interessant finden. Daran muss sich etwas ändern. Wir müssen uns mit der Frage auseinandersetzen, wie man die Begegnung aus einem extrem privilegierten Land heraus gestaltet.

ME: Haben Sie einen Vorschlag, aus dieser Paradoxie raus zu kommen?

SH: Das Interessante an unserem Metier sind doch gerade diese Paradoxien. Theoretisch ist es einem zuwider, in diesen eindimensional kommerziellen Strukturen zu agieren und man möchte sie am liebsten ablehnen. Praktisch aber sind wir darauf angewiesen mit ihnen umzugehen. Über Ländergrenzen und Kontinente hinweg ist diese Arbeit besonders schwierig. Du brauchst Vertrauen, du brauchst Zeit und du brauchst Kontinuität. Das sind Qualitäten, die sich weder in den Strukturen der Kultur- und Unterhaltungsindustrie, noch in temporären Projektstrukturen entwickeln können. Wie kann man also Systeme schaffen, die den Bedürfnissen der Künstler nach Versammlung und Teilhabe Raum geben? Wir brauchen einen dritten Ort, einen Ort des Dazwischen. PACT könnte eine Formel dafür sein.

Essen, 27. Februar 2015

 

Frederike Ronnefeldt (24) studiert Kulturreflexion und Psychologie

Manischa Eichwalder ist 22 Jahre alt und studiert Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis

 

Stefan Hilterhaus lebt und arbeitet in seiner Geburtstadt Essen, wo er 2002 PACT Zollverein mitgründete und die künstlerische Leitung übernahm. Der ausgebildete Bootsbauer und Tänzer arbeitete in Einbezug der Erfahrungen seines geisteswissenschaftlichen Studiums international als Tänzer, Performer, Regisseur und Choreograph. Neben einigen Gastengagements am Wuppertaler Tanztheater entwickelte er Choreografien für Schauspiel- und Opernproduktionen in Deutschland und der Schweiz. Stefan Hilterhaus war Dozent an der Folkwang Hochschule, gab europaweit zahlreiche Workshops und war Mentor der Bewerbung des Ruhrgebiets zur Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. Ab 1998 leitete er die Tanzlandschaft Ruhr, ein das gesamte Ruhrgebiet umfassendes Kunstförderprojekt, aus dem PACT Zollverein mithervorging. Neben dem internationalen Bühnenprogramm und umfangreichen Künstlerresidenzen, ist PACT Zollverein charakterisiert durch die von Hilterhaus initiierten Austauschplattformen. Diese bringen Künstler und Studierende ebenso wie Kunstpraktiker und -theoretiker mit Experten aus Naturwissenschaft und Technik zusammen.