„Ein klares Ja zum Nein“ – Satire als Korrektiv der Demokratie

Im Gespräch mit dem Schriftsteller und Politiker Oliver Maria Schmitt

Oliver Maria Schmitt lebt als freier Schriftsteller in Frankfurt. Bekannt wurde er durch seine Zeit als Chefredakteur des Satire-Magazins Titanic und seine politischen Aktivitäten in der Satire-Partei Die PARTEI, die als einen ihrer Hauptslogans „Inhalte überwinden“ ausgibt. Seine Bücher reichen von Titeln wie „AnarchoShnitzel schrieen sie. Ein Punkroman für die besseren Kreise“ bis hin zu „Mein Wahlkampf“. Seine Tätigkeit als Politiker ist für ihn wie ein Hobby, sie reicht bis in seine Jugend zurück. Er selbst bezeichnet sie als „privaten anarchischen Blödsinn“. Und doch hat er es geschafft, aus dem reflexartigen „ich widerspreche“ einen Beruf zu machen. Inspiriert durch die Autoren der Neuen Frankfurter Schule – die sich als ironischen Rekurs auf die kapitalismuskritische Frankfurter Schule rund um die Philosophen Adorno und Horkheimer bildete und aus der die Titanic hervorging – versteht er seine Texte und seine Parteiarbeit als eine Form des Widerstands. Paradoxien und Absurditäten des Alltags lächerlich und damit auch sichtbarer zu machen – das ist eines seiner stärksten Motive.

George Bernhard Shaw formulierte einmal sehr treffend: „Der vernünftige Mensch passt sich der Welt an. Der unvernüftige versucht hartnäckig, die Welt an sich anzupassen. Daher hängt aller Fortschritt vom unvernünftigen Menschen ab.“ So schafft es ein relativ kleiner Kreis kritischer Geister, der etablierten bürgerlichen Politik regelmäßig und höchst öffentlichkeitswirksam einen unbequemen Spiegel vorzuhalten. Einer der wichtigsten Effekte dieser Arbeit besteht darin, jungen Menschen ein Ventil zu bieten für ihren Frust und ihre Politikverdrossenheit.

Es ist einer dieser durchschnittlich mausgrauen Novembernachmittage, an denen es sich so anfühlt, als würde der ganze Tag nur aus Dämmerung bestehen. In einem kleinen, unscheinbaren Café in der Frankfurter Nordstadt warte ich auf Oliver Maria Schmitt. Als er kommt, beginnt er das Interview unverzüglich, allerdings in umgekehrter Rollenverteilung. Herr Schmitt quetscht erst einmal mich, seinen Gegenüber, aus. Er findet die Kombination „Philosophie, Politik & Ökonomik“, die ich studiere, sehr spannend. War das vielleicht der verdeckte Grund für seine postwendende Zusage? Der Cappuccino wird serviert, wir wechseln die Rollen:

Domenik Treß: Bei der Bundestagswahl 2013 waren Sie Kanzlerkandidat der PARTEI, auch im Europawahlkampf mischten Sie kräftig mit. Die großen Wahlen sind vorbei, mit der Titanic-Boygroup sind Sie auf Abschiedstournee – haben Sie neue Pläne?

Oliver Maria Schmitt: Nach meinem Scheitern als Kanzlerkandidat bereite ich nun meine Rückkehr in die Politik als Bundespräsident vor. Ich habe meine Kampagne einer kritischen Analyse unterzogen und herausgefunden, dass mir eine falsche Strategie auf den Leib geschneidert wurde. Mein Scheitern war also nicht meine Schuld, sondern die meiner Mitarbeiter, und jetzt versuche ich mich erstmal aus der Politik zurückzuziehen, mich rar zu machen. Mein großes Vorbild ist in dieser Hinsicht Christian Wulff. Er hat gezeigt, dass auch eine totale Null es bis nach ganz oben schaffen kann. Deswegen glaube ich, dass das Bundespräsidentenamt für mich das Richtige ist. Zur Zeit bin ich freier Schriftsteller und publiziere hier und da Artikel, sowohl in der scheißliberalen Presse, also FAZ, taz oder DIE ZEIT, aber auch im eigenen Hausblatt, der Titanic. Um meinen Unterhalt zu finanzieren, mache ich Lesungen und arbeite an einem Buch, das im Frühjahr erscheinen soll und meine besten Reisereportagen versammelt. Außerdem wird es zum 20. Jubiläum der Titanic-Boygroup ein „Best-of“ geben.

DT: Und bis dahin bleiben Sie auf Abschiedstournee, die ja sicherlich keine ist, oder?

OMS: Das sogenannte „letzte Mal“ hat ja immer die größte Anziehungskraft für das Publikum, deswegen haben wir uns schon mal vorsorglich verabschiedet. Im Frühjahr ist die Tour durch, dann müssen wir sehen, ob die Zeit für ein Comeback schon reif ist.

DT: Wenn ich mich mit Ihnen vor 22 Jahren getroffen hätte und Sie gefragt hätte, wo Sie sich in 20 Jahren sehen, was hätten Sie geantwortet?

OMS: Wie alt war ich denn da? 26… damals habe ich noch studiert (Allgemeine Rhetorik in Tübingen, Anm. d. Red.). Ich hätte wohl gesagt: Wenn ich es mal schaffe, als freier Autor zu leben, dann wäre ich froher als froh.

DT: War das also schon immer im Fokus?

OMS: Wenn man noch im Studium ist, ist das, was danach kommt, ein großes, schwammiges Etwas, mit dem man überhaupt nicht zurechtkommt. Aber deswegen orientiert man sich ja an Vorbildern, an Idolen oder an Leuten, die schon was in einer Richtung machen, die einem selber gefällt. Mein Lebensweg hängt eng mit dem Satiremagazin „Titanic“ und den Autoren der Neuen Frankfurter Schule zusammen. Ich hatte großen Respekt vor dem Lebenswerk von Autoren wie Robert Gernhardt oder Eckhard Henscheid, die schon seit 30 Jahren publizierten und ein Universalwissen und -können vorlegten, das über Kunst- und Kulturgeschichte, Fußball, Sport bis hin zu Sozial- und Musikwissenschaften in Theorie und Praxis reicht. Mir schwebte schon so etwas vor: Sowas wollte ich auch machen können. Wobei mir relativ klar war, dass das Können dafür absolut nicht vorhanden war, sondern nur der Wille. Ich hielt das für unerreichbar.

DT: Sie haben gerade schon die Neue Frankfurter Schule erwähnt. Welche Strömungen, bzw. Denker haben Sie besonders geprägt und inspiriert?

OMS: Tja, Gedanken, die mich prägten… Wenn ich nur welche hätte! Also ein Leitspruch des von mir sehr verehrten Malers und Zeichners George Grosz ist: „Ein kleines Ja und ein großes Nein“, das ist auch der Titel seiner Autobiographie. In einer Abwandlung könnte dies auch das Motto der der Neuen Frankfurter Schule sein: „Ein klares Ja zum Nein“. Das Dagegen-Sein, die Verweigerungshaltung gehört zu meinem Lebenslauf schon immer wie selbstverständlich dazu. Mit 15 Jahren gründete ich eine Punkrock-Band. Das war für mich als kleiner Provinztrottel eine unglaublich energetische, wilde Sache. Das Wissen über Punk hat man sich in einer Zeit ohne Internet und mit 3 Fernsehkanälen mühsam über Zeitschriften und Mundpropaganda erarbeitet. Man war erst mal einfach „dagegen“: gegen das Schweinesystem, die Bullen und so weiter. Mein ganzes Freundesspektrum war so geprägt. Wir waren keinen Hardcore-Punks mit Irokesen und Bierflaschen, wir waren bürgerliche Punks, tendierten in Richtung Künstlertum und negierten bürgerliche Karrierevorstellungen. Wir haben auch damals schon erste satirische Aktionen initiiert. Wir haben Künstler erfunden, die es nicht gegeben hat, um in deren Namen mehr oder weniger komischen Schrott auszustellen und das dann als moderne Kunst auszugeben – also persiflierende Kunstausstellungen. Man hat natürlich den Wehrdienst verweigert. Die Vorstellung, sich von geistigen Tieffliegern herumkommandieren zu lassen, war für mich vollkommen absurd. In der Pubertät las man die Nonsens-Zeitschrift „MAD“. Von dort rutschte ich dann zur „Titanic“-Lektüre, auch wenn man als 14-Jähriger nur die Hälfte versteht. Ich habe dann grundsätzlich auch immer deren Meinung direkt übernommen.

DT: Wie sind Sie denn dann letztendlich zur „Titanic“ gekommen?

OMS: Die Vorstellung, einfach einen Artikel an die „Titanic“ zu schicken, war für mich absurd, denn da saßen für mich Götter, die sich über mich kaputtlachen würden. Nach mehreren Praktika bei Tageszeitungen und beim Rundfunk kam mir irgendwann ein Thema unter die Nägel: 15 Jahre Golf GTI. Der stand damals für die Vollidiotenkutsche schlechthin. Wir fuhren alte kaputte Autos und die Vokuhila-Trottel mit den tiefergelegten Rennbolzen und all dem Spoilerkram , das waren in unseren Augen die Totalnarren. Als ich las, dass es in Deutschland über 1000 Golf GTI-Clubs gibt, besorgte ich mir die Adressen und schickte Interviewfragen an die Clubs. Zurück kam der geballte Wahnsinn, absolut brandheißes Material aus der Vorhölle der Enthirnten. Daraus habe ich meinen ersten „Titanic“-Artikel gebastelt.

Ein bis zwei Jahre später lernte ich den damaligen Chefredakteur Hans Zippert kennen und fragte ihn, wie er denn zur „Titanic“ gekommen sei. Er erzählte mir, dass er in Bielefeld eine kleine eigene satirische Publikation mitgegründet hatte und die „Titanic“ so auf ihn aufmerksam wurde. Ich dachte mir „Aha!“ – und gründete daraufhin in Tübingen mit ein paar Freunden das literarisch-komische Heftchen „Unser Huhn“. Das war Anfang der 90er und quasi mein Bewerbungsschreiben für die „Titanic“. Dort machte ich dann ein Volontariat. Als später der Posten des Chefredakteurs frei wurde, habe ich mich einfach beworben. Vom Praktikanten zum Chefredakteur aufzusteigen war in so einem kleinen Redaktionsteam von 4 bis 7 Leuten möglich – weil die Redaktion zustimmte. Wir sind keinem Verlagsstatut unterstellt. Die Redaktion regiert sich selbst und bestimmt eben auch ihren Chef selbst. Wenn man länger dabei ist, realisiert man, dass der Chef genauso viel Gehalt wie die anderen bekommt, aber doppelt so viel Arbeit hat. Da ist nicht jeder scharf drauf, aber ich war’s.

DT: Normalerweise suchen sich Parteien und Politiker Wege, um zu publizieren. Bei Ihnen scheint dies andersherum: Sie waren zuerst Publizist und gründeten dann eine Partei. Wie kam dieser Weg vom Publizieren zur Realpolitik, also von der Titanic zur PARTEI zustande?

OMS: Dieser satirische Parteienkrempel, den habe ich schon gemacht, lange bevor es die PARTEI gab. Ich habe Martin Sonneborn viel später davon erzählt und er kam dann auf die Idee, eine Partei zu gründen. Ich habe mich schon 1988, als 21-jähriger in Heilbronn als Landtagskandidat aufstellen lassen. Das war ein reiner Nonsens- und Spaßwahlkampf, der sich aber damals schon nicht wesentlich von dem unterschied, was die PARTEI heute macht. Das war Kritik mit komischen Mitteln. Damals habe ich gemerkt, dass man in der Politik gar nichts vertreten muss und trotzdem mittendrin ist im Diskurs, allein schon durch die reine Anwesenheit.

DT: Sie werden mit der PARTEI oft auf „die Spaßpartei, die die Demokratie halt ertragen muss“ reduziert. Ich unterstelle Ihnen aber auch ein sehr ernsthaftes Anliegen. Stimmt das?

OMS: Das ist natürlich eine bösartige Unterstellung, aber damit kann ich leben. Spaßkandidaten machen etwas, was die normale bürgerliche Politik nicht mehr leisten kann: Sie bringen es im Idealfall fertig, dass sich junge und von der Systempolitik eher angewiderte Menschen plötzlich wieder für Politik interessieren. Den Ausbildungsberuf als Politiker gibt es eben nicht, man wächst da so rein. Es gibt auch sonst keinerlei Vorschrift, wie man sich der politischen Arbeit zu nähern hat oder was Politik nun genau ist. Das merkt man daran, dass im Bundestag keine gelernten Politiker sitzen, sondern allerlei Stümper aus allen Bereichen des öffentlichen Lebens, vor allem Juristen; weil die in der Lage sind (oder das zumindest glauben), längere Textkonvolute zu lesen und durchzuarbeiten.

Spaßpolitik mit ihrer besonderen Form der Kritik an der bürgerlichen Politik ist ein ganz wichtiges Korrektiv. Die PARTEI hat mit über 15.000 Mitgliedern fast doppelt so viele wie die NPD in Deutschland! Das ist eine Vereinigung von meistenteils jungen Leuten, die mit unglaublichen tollen, lustigen und kreativen Ideen unterwegs sind, um sich in die Politik einzumischen. Und dass man die Politik, die unser aller Leben schon sehr deutlich gestaltet, nicht nur langweiligen Berliner Karrieristen überlässt, sondern dass man sich einmischt und für Ärger und Kritik sorgt, das ist absolut richtig und wichtig. Es gibt bis jetzt schon 7 Mandatsträger der PARTEI in Deutschland, die tatsächlich in Gemeinderäten sitzen. In dem Moment, wo man als Spaßpolitiker im Gemeinderat sitzt, ist man plötzlich in der Sachpolitik angekommen. Und doch kommt die Spaßpolitik an ihre Grenzen, wenn es darum geht, wo man 20.000 Euro loseisen kann, um eine Kita aufzumachen.

DT: Ich habe Schwierigkeiten damit, eine richtige Formulierung für Satire zu finden. Was genau macht Satire, oder was ist Satire?

OMS: Man sollte Satire als Kritik mit komischen Mitteln begreifen. Satire muss dagegensein, gegen alles, sie hat keine ideologische Heimat, sie ist frei und beweglich, arbeitet mit der Übertreibung, der Lächerlichmachung, Verhohnepiepelung, mit dem Draufhauen! Ob mit Florett oder Holzhammer, das ist egal. Sie ist auf jeden Fall dagegen und versucht, zum Lachen zu bringen und damit eine wie auch immer geartete Erkenntnis herzustellen. Das muss nicht immer zum schallenden Lachen beitragen, das kann auch ein freundliches Schmunzeln sein, oder das sogenannte und leider viel zu oft bemühte Bild vom Lachen, das im Halse stecken bleibt.

DT: Es ist heutzutage ja offensichtlich, dass die Politik letztlich von der Wirtschaft dominiert wird. Sollte die Satire nicht eigentlich viel eher das Wirtschaftssystem statt der Politik entlarven?

OMS: Das wäre natürlich sehr wichtig, aber mit satirischen Aktionen kann man keine Wirkungen vorhersagen oder ausmalen, mit welcher Aktion man welchen Erfolg hat. Die markanteste Ausprägung des öffentlichen Lebens sind die Politiker, die im direkten Zusammenhang mit der Wirtschaft agieren oder sogar ganz unverhohlen und offen für die Wirtschaft, wie das beispielsweise in der Amtszeit von Gerhard Schröder der Fall war. Indem man versucht, diese Akteure zu identifizieren, sie zu exponieren und lächerlich zu machen, berührt man natürlich auch den Wirtschaftssektor. Es ist leichter, sich in die politische Zusammenhänge einzuschmuggeln als in wirtschaftliche. Das meine ich jetzt nicht nur personell, sondern auch operativ – mit Telefonaten, Recherchen oder Verarschungsaktionen.

DT: Im Prinzip bekommen Sie ja täglich viele Steilvorlagen geliefert, die sie dann verarbeiten können. Das ist aber eine relativ kurzfristige, interventionistische Arbeit. Können Sie Ihre langfristige Intention, ihre Strategien formulieren,?

OMS: Mein Ziel ist es meinen Arterhalt zu sichern. Ich möchte es mir in in dreißig Jahren auch noch leisten können, zu schreiben, was ich will. Da ich praktisch durchgängig Freiberufler war, war ich nie abhängig, aber eben auch nie sozialversichert beschäftigt. Eine Nebenerscheinung der Zeitungs- und Zeitschriftenkrise ist die Erkenntnis, dass es das Auskommen, das Blätter wie die FAZ oder DIE ZEIT durch ihre Honorare im Moment noch sichern können, auf lange Sicht nicht mehr geben wird. Da fragt man sich natürlich: Wo bleibe ich da? Solange ich auf dem Weg in meinen eigenen Altersruhestand noch systemschädigend tätig sein kann – um so besser.

DT: Das heißt, die Prioritäten sind klar verteilt: Erst den Selbstunterhalt sichern und an zweiter Stelle das System unterwandern?

OMS: Ja. Soweit, dass man möglicherweise gerade noch im letzten Moment den Fuß aus der Tür zieht. Aber ich habe weder als Politiker noch als Satiriker Visionen. Ich benutze die Visionen anderer, um sie lächerlich zu machen, um sie zu unterminieren. Ich bin eher Reflektor als Lichtgeber. Ich nehme das, was andere mir aufzwängen an täglichem Quark, an Schwachsinn, was mir in Zeitungen und Medien begegnet und mich anstachelt oder zu einem Artikel oder auch zum Buch anregt – aber ich stelle mich nicht hin und formuliere Ziele, wo ich mich in 10 oder 20 Jahren sehe. Nein, ich lebe eher unbesorgt in den Tag hinein und sehe, was der nächste so bringen wird.

DT: Wie gehen Sie mit ökonomischen Sachzwängen um, die Sie im Alltag erleben? Müssen Sie der Realität der Zahlen viel Raum geben, z.B. wenn Sie sich auf der politischen Bühne oder im Literaturbetrieb vermarkten, wenn es um Mitglieder- oder Auflagenzahlen geht? Wie erleben Sie das?

OMS: Wenn man an den Auflagenzahlen seiner Bücher gemessen wird, dann ist das oftmals sehr erniedrigend. Bücher spielen häufig nicht das ein, was man bei der Aushandlung des Vorschusses erhofft hatte. Andererseits habe ich selbst das Glück, dass ich ökonomisch einigermaßen gut herumkomme. Ich muss mir um Miete oder um das nächste Lebensjahr keine wirklichen Sorgen machen, weil ich eben mit diesem Mix aus Buchproduktion, publizistischer Tätigkeit und aus öffentlichen Auftritten, also Lesungen einigermaßen rumkomme. Ich kenne aber viele Kollegen, bei denen das nicht so ist, die dann nach Berlin ziehen müssen, weil da die Mieten noch einigermaßen erschwinglich sind. Wenn man für die ideologisch aufrichtigeren Blätter schreibt, wie den freitag, die Jungle World oder selbst die taz, dann muss man von Beträgen leben, die bestenfalls zweistellig sind. Für 40 oder 80 Euro pro Artikel verlangen die Verlage häufig noch das alleinige Verwertungsrecht für zwei Jahre. Das ist ganz schön happig und es ist fast unmöglich, eine eine längerfristige Perspektive zu entwickeln, weil man nicht immer weiß, ob die aufrichtigen Auftraggeber in zwei bis drei Jahren überhaupt noch am Markt sind.

DT: Können Sie Freizeit und Arbeit trennen?

OMS: Nein.

DT: Erleben Sie das als Selbstausbeutung oder Selbstverwirklichung?

OMS: Es ist wahrscheinlich eine Mischung aus beidem. Wenn man nicht bereit ist, sich selbst auszubeuten, braucht man mit der freiberuflichen Tätigkeit gar nicht anfangen. Die Vorstellung, dass ich morgens um neun anfange, um fünf Uhr fertig bin, Samstag und Sonntag Ruhe – das ist für mich vollkommen absurd. Ich habe kein Wochengerüst und auch kein Feriengerüst. Als ich noch Chefredakteur war, telefonierte ich mit dem langjährigen Kolumnisten Walter Boehlich und fragte ihn: „Machen Sie Urlaub, Herr Boehlich?“ Darauf er mit verstellter Stimme: „Herr Schmitt, Angestellte machen Urlaub, wir Freiberufler haben NIE Urlaub.“ Und damit hatte er recht. Man sollte die Bereitschaft mitbringen, das als Lebensaufgabe zu sehen. Wenn man das als Ausbeutung seiner selbst begreift, dann geht einem das Spaßelement verloren. Wenn man aber mal bei der „Titanic“ gearbeitet hat, ist man hinterher sowieso für das normale Büro- oder Redaktionsleben absolut versaut. Die „Titanic“ gehört sich selbst, es gibt weder einen despotischen Chef noch verbindliche Urlaubsregelungen.

DT: Wie gehen Sie damit um, wenn Sie auf Ablehnung stoßen? Sagen wir, Sie haben ein Buch geschrieben und der Verleger lehnt es ab…?

OMS: Das ist natürlich ein schwerer Schlag ins Kontor, das erschüttert einen bis ins die letzten Winkel. Alles was man abliefert, ist immer auch ein Produkt des eigenen Egos, der eigenen Psyche. Eine Ablehnung trifft nicht nur das Werk, sondern oft auch die ganze Person. Zumindest empfinde ich es so. Das ist ein Schlag ins Gesicht. Im Nachgang versucht man, das dann zu nivellieren, sich schön zu reden, den berechtigten Teil der Kritik produktiv zu machen. Ich gebe meistens nicht auf, sondern bleibe dran und versuche, es dem Auftraggeber oder dem Redakteur recht zu machen.

Man sollte eine Niederlage nicht zu persönlich nehmen. Man muss einfach weitermachen, sonst wird man schnell ein Fall für die Therapiecouch.

DT: Eine letzte Frage – und bitte denken Sie an dieser Stelle groß und radikal: Was wäre ihr größter Wunsch für die Zukunft der Gesellschaft?

OMS: Dass überall mehr Texte von mir und weniger von anderen Autoren veröffentlicht werden – das würde mir helfen, die Welt tatsächlich besser zu machen und auch mehr zu dem Platz, der mir selbst gefällt. Und natürlich, dass noch mehr Texte, Bücher und andere Sachen veröffentlicht werden von Menschen, die mir nahe stehen, deren Werk ich bewundere. Und dann hätte ich noch den großen Wunsch, dass im Fernsehen kein Sport mehr kommt. Das nimmt uns allen sehr viel Lebenszeit, Energie und Aufmerksamkeit, die man dazu verwenden könnte, irgendetwas sinnvolles für diese Welt zu tun. Das sehe ich in einer grotesk ausufernden Fußball- und wie auch immer gearteten Sportberichterstattung, die auch noch dazu Millionen verschlingt, absolut überhaupt nicht. Aber Brot und Spiele – ohne das scheints ja nicht zu gehen.

Die Kellnerin kommt vorbei.

Oliver Maria Schmitt: „Kann ich zahlen, bitte?“

Ich schaue ihn verwundert an und versuche zu widersprechen: „Aber, Herr Schmitt!“.

Seine Antwort: „Lassen Sie mal, das ist ganz normale Bestechung.“

 

Frankfurt am Main,  19. November 2014

 

Domenik Treß ist 22 Jahre alt und studiert Philosophie, Politik & Ökonomik. Ein Journalismusstudium kann er sich im Anschluss durchaus vorstellen. Zunächst aber geht er für ein Auslandssemester nach Cali, Kolumbien.

Oliver Maria Schmitt lebt als freier Schriftsteller und Publizist in Frankfurt am Main.

Er wurde 1966 in Heilbronn geboren. Nach seiner Jugend, in der er als Sänger und Gitarrist der Punkband „Tiefschlag“ aktiv war, studierte er in Tübingen „Allgemeine Rhetorik“. Von 1995 bis 2000 war er Chefredakteur der „Titanic“. Seit der Gründung der „Partei“ im Jahre 2004 ist er ihr Ehrenvorsitzender und seit 2006 ist er Mitherausgeber der „Titanic“. 2009 wurde er mit dem Henri-Nannen-Preis für Qualitätsjournalismus ausgezeichnet. 2013 erlangte er als Kanzlerkandidat der „Partei“ 0,2 % der bundesweiten Stimmen. Regelmäßig und seit vielen Jahren ist er in der „Titanic Boy Group“gemeinsam mit Martin Sonneborn und Thomas Gsella auf Lesungstour. Er veröffentlicht regelmäßig in den folgenden Zeitungen: FAZ, Süddeutsche Zeitung, Die Zeit, taz, konkret, Spiegel und GEO Saison.