3 Fragen an die Galerie Esther Schipper

Esther Schipper über Kollaborationen, demographische Herausforderungen, Migration und Internationalisierung.

Wir betreten die Galerie und da ist eine Spinne in einem abgedunkelten Neben-Zimmer. Da hängt eine filigrane dreidimensionale Netzstadt in einem Plexiglaskasten mitten im Raum. Da liegt ein zartes Netz-Relief auf einer Leinwand auf, ein Gespinst wie Malerei.

In der Ausstellung Aerocene von Tomás Saraceno, der zum sehr eindrucksvollen Kreise der Künstler gehört, die von der Galerie Esther Schipper ausgestellt werden, begegnet uns das für unser Berlin-College dominante Wort der Kollaboration erneut. Hier betrifft es aber die Zusammenarbeit mehr oder weniger „sozialer“ Spinnen, aus deren Arbeit (setzt man sie in der richtigen Reihenfolge nacheinander in einen Kasten) ein futuristisches, beeindruckendes und hochkomplexes Gebilde entsteht.

Wir nehmen Saraceno also als ein gelungenes Beispiel dafür, mit welchem Bewusstsein für aktuelle Diskurse die Galerie ihre Künstler auswählt. Denn kaum eine Metapher ist in diesem Maße omnipräsent und diskursübergreifend wie diejenige des Netzes, wenn es darum geht, unsere Wirklichkeit zu beschreiben. Und auch mit dem Blick auf die 2017 angesetzte Fusionierung mit der Johnen Galerie scheint jene Metapher des Netzes nicht abwegig.

1. Welches Kunstverständnis vertritt Ihre Institution? Und wie wirkt sich das auf die Auswahl der Künstler bzw. Arbeiten aus?

Esther Schipper wurde 1989 mit einer Ausstellung von General Idea’s Yen Boutique in Köln eröffnet und ist seit 1995 in Berlin ansässig. Als eine der ersten Galerien stellte Esther Schipper Künstler wie Angela Bulloch, Liam Gillick, Pierre Huyghe, Dominique Gonzalez-Foerster und Philippe Parreno aus, die die Ausstellung selber als Medium verwandten. Darüber hinaus wurde die langfristige Zusammenarbeit mit Künstlern wie Thomas Demand, Ceal Floyer, Gabriel Kuri oder Ugo Rondinone etabliert und z. B. mit Karin Sander, Tomás Saraceno und Daniel Steegmann Mangrané ergänzt. Zudem vertritt Esther Schipper auch Berliner Künstler wie Isa Melsheimer, Christoph Keller und Christopher Roth.

2. Reagiert ihre Arbeit bewusst auf die demographischen Entwicklungen, auf Migration und Internationalisierung? Wirken sich diese Entwicklungen auf den Kunstmarkt aus und wie haben sich die Anforderungen unter diesen strukturellen Veränderungen an einen Galeristen verändert?

Die steigende Anzahl der in Deutschland lebenden Flüchtlinge stellt eine große Herausforderung an unsere Gesellschaft dar. Auch die zeitgenössische Kunstproduktion reagiert auf diese demographischen Entwicklungen. Ob sich dadurch die Ausrichtung des Kunstmarkts anpassen wird, ist zu bezweifeln. Vielmehr verändern politische Ereignisse wie das Referendum Großbritanniens zum Austritt aus der Europäischen Union die internationalen Rahmenbedingungen, die auch von Galerien eine gewisse Flexibilität verlangen.

3. Während unserer Beschäftigung mit der aktuellen Kunst,- und Theaterszene in Berlin begegnete uns immer wieder das Motiv der Kollaboration: Welches Potential sehen sie in solch kollaborativen Strukturen, und inwiefern ließen sich solche auch in ihrer Arbeit finden, insbesondere im Hinblick auf Ihren Zusammenschluss mit der Galerie Johnen?

Im Zuge der Fusion mit der Johnen Galerie im Mai 2015 kamen eine Vielzahl von Künstlern hinzu, die bereits, oft intensiv, mit von Esther Schipper vertretenen zusammengearbeitet haben, wie beispielsweise Martin Boyce und Thomas Demand oder Tino Sehgal und Philippe Parreno. Ryan Gander kuratiert aktuell die Arts Council Collection in England und wird u.a. Arbeiten von Angela Bulloch und Liam Gillick zeigen. Auch langfristige Kollaborationen sind ein wichtiger Bestandteil der künstlerischen Praxis. Ari Benjamin Meyers beispielsweise entwickelte zusammen mit Dominique Gonzalez-Foerster eine Auftragsarbeit für die Performa 2009 in New York und zeigte ganz aktuell seine Intervention Serious Immobilities in der Ausstellung Dominique Gonzalez-Foerster. 1887–2058 im K20 in Düsseldorf.

Esther Schipper, in Taiwan geboren und in Paris aufgewachsen, ist seit 1989 Galeristin und Gründerin des international angesehenen Gallery Weekend Berlin sowie Komitee-Mitglied der Frieze New York. Den Raum der Ausstellung versteht sie zugleich als Medium und „Schule des Sehens“, eine Galerie ist für Schipper nicht ohne einer performativen Ebene denkbar. 1989 mit einer kleinen Galerie in Köln angefangen, vertritt Schipper heute in ihren Galerieräumen am Schöneberger Ufer mehr als 20 internationale, zeitgenössische KünstlerInnen, darunter vielbeachtete Namen wie Angela Bulloch, Thomas Demand, Liam Gillick, Phillippe Parreno oder Pierre Huyghe. Es heißt: „Schipper verknüpft große Sensibilität mit kreativem Wagemut und einem hohen Maß an Disziplin und Konsequenz.“ (Die Welt, 09.05.15)

 

Mirjam Wittig, Studentin, Philosophie, Kulturreflexion & kulturelle Praxis (B.A.)
Sophia Gröning, Studentin, Philosophie, Kulturreflexion & kulturelle Praxis (B.A.)
Pierre Schwarzer, Student, Philosophie & Kulturreflexion (M.A.)