3 Fragen an den Hamburger Bahnhof

Das Manifest als starres Zeugnis des ständig Wandelbaren. Ein Interview zu Julian Rosefeldts Ausstellung „Manifesto“

Im Rahmen einer mehrtägigen Exkursion haben wir uns anhand der Fragestellung; „Berlin als Modell für eine neue Urbanität?“ mit verschiedenen Berliner Kulturinstitutionen beschäftigt. Für einen Blick auf die zeitgenössische Kunst und Fragen zur Vermittlung von Kunst haben wir die Ausstellung „Manifesto“ des Filmkünstlers Julian Rosefeldt im Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart besucht.

In dieser von der Nationalgalerie koproduzierten Installation widmet sich Rosefeldt historischen Künstlermanifesten, die in 12 Einzelfilmen Bezug auf unsere Gegenwart nehmen und in einem Raum simultan gezeigt werden. Im Mittelpunkt steht eine Frauenfigur, jeweils interpretiert von Cate Blanchett. Es ist ein Gesamtkunstwerk, ein Zusammenspiel der einzelnen Filme, die gleichzeitig aber auch für sich stehen können. Doch erst zusammen betrachtet, wird ersichtlich, dass fast schon musikalisch eine Komposition entsteht, wenn im Hauptteil Blanchett bei allen Filmen zur selben Zeit in die Kamera schaut und choralähnlich auf verschiedenen Tonhöhen Ausschnitte der Manifeste vorträgt. Eingerahmt ist der Hauptteil durch eine dialogische Vortragsweise der Manifesttexte. Rosefeldt erzeugt durch diese stark kontrastierenden Vortragsweisen auch einen inhaltlichen Kontrast: Das Manifest als etwas fast Alltägliches und dann wieder als etwas Prophetisches, Unnahbares, aber auch Unheimliches. Diese multidisziplinäre Aufmachung kommuniziert, was Manifeste gemein haben: Das Ziel, bestehende Verhältnisse zu kritisieren und zu ändern und die schriftliche Form, dieses Ziel zu vermitteln. Rosefeldt nimmt nun das Schriftliche und erweitert es um die Ebenen des Audiovisuellen und Musikalischen. Eine Erweiterung, die im größeren Spektrum das Fluide in den Medien und in der Aufführungsweise von bestimmten Themen aufzeigt.

Auch der Hamburger Bahnhof, als ehemaliger Berliner Bahnhof, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts als Museum genutzt wird, hat diese Fluidität inne. Heute gehört er als Teil der Nationalgalerie zu den führenden Museen für zeitgenössische Kunst weltweit. Die 1876 gegründete Nationalgalerie beherbergt eine breitgefächerte Kunstsammlung vom 19.Jahrhundert bis in die unmittelbare Gegenwart, die in ständigen und wechselnden Ausstellungen an mehreren Orten in Berlin (Alte und Neue Nationalgalerie, Sammlung Scharf-Gerstenberg, Museum Berggruen und Hamburger Bahnhof) präsentiert wird. Im Gegensatz zu anderen Kultur- und Kunst-Orten in Berlin, deren Strukturen und Akteure unablässig im Wandel begriffen sind, gehört die Nationalgalerie zu den traditionsreichen Häusern, deren Identität – bei dynamischem Ausstellungsbetrieb – für Konstanz sorgt. Um einen tieferen Einblick in die tägliche Arbeit dieser Institution zu bekommen und einen Bezug zu unserer Eingangsfrage herzustellen, haben wir dem Team des Hamburger Bahnhofs drei Fragen gestellt.

1. Welche Auffassung von Kunst/ welches Kunstverständnis hat Ihre Institution?

Hamburger Bahnhof: Die Nationalgalerie zeigt im Hamburger Bahnhof nicht nur zeitgenössische Kunst, die von besonderer gesellschaftlicher Relevanz ist, sondern bringt Zeitgenossenschaft mit der Sammlung und ihren Beständen seit dem 19. Jahrhundert in Beziehung. Die Frage nach einer nicht-westlichen oder eurozentristischen Perspektive steht dabei aktuell in besonderem Fokus. Auch der Aspekt der Interdisziplinarität in den Künsten, der seit der Gründung des Museums ein Anliegen gewesen ist, beschäftigt uns als Institution zunehmend. Das konnte man im letzten Jahr sehr gut an der Ausstellung zum Black Mountain College und der Einzelausstellung mit Michael Beutler sehen, auch an den Ausstellungen mit Julian Rosefeldt und dem kommenden Projekt mit Anne Imhof lässt sich dieser Aspekt ablesen. Die seit 1999 in Kooperation mit Freunde Guter Musik Berlin veranstaltete Reihe „Musikwerke Bildender Künstler“ kann als weiteres Beispiel für die Auseinandersetzung mit intermedialen künstlerischen Produktionen stehen.

2. Uns beschäftigt die Frage, welche Chancen in der Migration kulturell stecken. Wie reagieren Sie mit Ihrer Arbeit auf die jüngsten demografischen Entwicklungen in Berlin? Welche transformatorische Kraft sehen Sie in der Migration?

HB: Wir entwickeln im Bereich der Bildungs- und Vermittlungsarbeit der Staatlichen Museen zu Berlin Modelle, um die sich kontinuierlich diversifizierende Bevölkerung in Berlin einzuschließen und die Sammlungen für diese direkt zugänglich zu machen. Aber hier sind wir erst am Anfang und müssen noch viel lernen. Das Thema Migration beschäftigt uns als Institution und stellt für uns ein enorm wichtiges gesellschaftliches Potential für einen offenen Dialog dar. Das sieht man momentan sehr deutlich in der großen Einzelausstellung „Gülsün Karamustafa. Chronographia“, die bis Ende Oktober noch im Hamburger Bahnhof zu sehen sein wird. Die transformatorische Kraft wird in erster Linie durch das Publikum deutlich, dass sich für die Ausstellung interessiert.

3. Die Volksbühne unter der Leitung von Chris Dercon und Marietta Piekenbrock haben Kooperation und komplizenhaftes Handeln zu Leitmotiven ihrer Programmarbeit erklärt. Welches Potenial steckt für Sie in kooperativen Strukturen?

HB: Zusammenarbeit ist der Kern einer jeden kritischen und multiperspektivischen Auseinandersetzung. Wir können und müssen voneinander lernen und uns gegenseitig Fragen stellen, selbst wenn diese oft sehr unangenehm oder unbeantwortbar erscheinen. Fragen sind meistens die besten Antworten. Die Teamarbeit, die wir nicht unbedingt als „Komplizenschaft“, sondern eher weniger hermetisch als eine offene Struktur bezeichnen würden, bietet die große Chance zum Experiment. Dies erleben wir am Hause gerade sehr deutlich und voller Neugier: Aktuell bereiten wir ein großes, fast den gesamten Hamburger Bahnhof einbeziehendes Projekt vor und arbeiten dafür in einem mehrköpfigen Team, das sich aus verschiedenen Abteilungen des Hauses und externen Mitspielern zusammensetzt. Darüber hinaus ist ein Museum für Gegenwart ohne die Kooperation mit vielen Partnern in der Stadt, national wie international, überhaupt nicht denkbar.

Clara Dvorak (25) studiert Doing Culture (M.A.) und Julian (22) studiert Philosophie und Kulturreflexion (B.A.).