Die Rampensau aus dem Abspann

Im Gespräch mit dem Gagschreiber, Grimmepreisträger und Moderator Micky Beisenherz über etwas, was einfach klingt, aber kompliziert funktioniert: Humor!

Zwei Mal fahre ich im Kreis, durch ein Industriegelände, vorbei an gepflegten Vorgärten, bis ich zwischen Autobahnauffahrt und Wohngebiet den Fußballplatz finde. Castrop-Rauxel, die Stadt, in der Micky Beisenherz ein Weltstar ist. „Woanders muss ich selbst bezahlen“, sagt er.

Es ist der erste warme Tag im Jahr, ein Feiertag noch dazu, weshalb sich eine Gruppe Berufstätiger schon mittags zum Fußballspielen trifft. Während ich auf der Autofahrt noch meine Fragen über die Erfolgsformel von gutem Fernsehen überdenke, muss ich, am Fußballplatz angekommen, schnell umschalten.

Micky Beisenherz, bekannt als Gag-Autor für Fernsehsendungen wie der ZDF-heute-show, dem Dschungelcamp auf RTL und als Drehbuchautor von neoparadise, schrieb und schreibt außerdem für fast alle Bühnencomedians Deutschlands. Wenn man sich für die kreativen Akteure abseits der Kameras interessiert, stößt man schnell auf seinen Namen. 

Besonderes Interesse entstand bei mir, als ich durch Interviews mehr über seine Arbeit und seinen persönlichen Hintergrund erfuhr. Sätze wie „Exklusivität finde ich nur im Bereich Ehe gut“, „Zynismus ist Kapitulation“ oder „Im Ruhrgebiet ist die Pointe Nationalsport“ machten mich neugierig. Ungeklärt blieb für mich jedoch, mit welchen Taktiken Micky Beisenherz arbeitet: er ist Zulieferer einer Kunstform, die öffentliche Performance überläßt er anderen. Ist man als Witzeschreiber Handwerker oder Künstler? Welche Ansprüche an die Zuschauer besitzt ein Strippenzieher wie er? Und üben sich Quotendruck und Massenkompatibilität auf die Qualität seiner Arbeit aus?   

Muskelbetontes dunkelblaues Trikot, weiße Hose, weinrote Stutzen. Das Outfit der französischen Nationalmannschaft trägt er wohl aus modischen Gründen. Fester Händedruck, nettes Lächeln, bei dem sich ein Mundwinkel weiter hochzieht als der andere. „Soo!“ Das wird er noch häufig sagen.

Schnell werden Teams gebildet, überrumpelt lande ich in der Innenverteidigung, Beisenherz rechts von mir. Monatelang habe ich versucht, Fernsehstars für ein Interview zu gewinnen – ohne Erfolg. Dass ich am Ende bei der Person lande, der genau diese Menschen zum Sprechen bringt, entbehrt nicht einer gewissen Ironie.

Nachdem Micky Beisenherz und ich haushoch verloren haben, sitzen wir im offenen Kofferraum seines BMWs. Ich muss meinen Kopf einziehen, er trinkt lauwarmen Ice Tea. Nur ab und zu fährt ein Auto vorbei. Es scheint, als stünde die Zeit in Castrop-Rauxel still.

 

Nora Nagel: Herr Beisenherz, wie beschreiben Sie einem Laien Ihren Beruf?

Micky Beisenherz: In erster Linie schreibe ich als Autor bzw. als Ghostwriter lustige Sprüche , auch Pointen genannt. Ich schreibe für andere Leute, sprich Moderatoren, Bühnencomedians oder für Fernsehsendungen, die zu der Rubrik „Unterhaltungsfernsehen“ gehören. Das heißt: Wann immer unterhaltende Fernsehformate entwickelt werden und es einer hohen Pointen-Dichte bedarf, kommt mein Name in’s Spiel. Der Bühnenkomiker, mit dem meine Arbeit angefangen hat, ist Atze Schröder. Ansonsten habe ich für Comedians wie Dieter Nuhr, Caroline Kebekus, Monika Gruber oder auch Hans-Werner Olm, Matze Knop und Oliver Polak geschrieben. Die Liste ist lang, eigentlich hab ich schon mit allen gearbeitet. Auch für Harpe Kerkeling, für seine Geburtstagsshow „Keine Geburtstagsshow!“ habe ich Ende letzten Jahres das Drehbuch geschrieben.

NN: Wie hat sich Ihre Karriere entwickelt, gab es schon immer den konkreten Berufswunsch, Unterhaltung zu machen?

MB: Mein beruflicher Werdegang hat sich nicht schlagartig entwickelt, sondern ist eher wellenförmig verlaufen. Im Laufe der Jahre haben sich Projekte hintereinander aufgebaut, und die bin ich dann brav abgeritten. In meiner Branche verästeln sich Beziehungen unheimlich stark. Du arbeitest mit jemandem zusammen und lernst auf diesem Wege zum Beispiel einen Produzenten kennen. Dann trennen sich die Wege wieder, der Produzent entwickelt eine andere Sendung, stellt aber fest: „Guck mal, bei der einen Sendung habe ich ja mit diesem Autor zusammen gearbeitet, lass uns für diese Sache den doch wieder dazu nehmen.“ Auf diese Art und Weise lernt man wieder neue Leute kennen, so verzweigen sich beruflichen Beziehungen. Ich habe tatsächlich nur einmal in meinem Leben eine Bewerbung geschrieben, vor 15 Jahren für eine Praktikumsstelle bei Radio Herne. Seit dem habe ich eigentlich nur Anrufe entgegen genommen- glücklicherweise. So hat es angefangen, und so ist es nach wie vor. Ich bin immer noch überrascht, wer sich bei mir mit welchen, häufig ungewöhnlichen Anfragen meldet.

NN: Können Sie es sich mittlerweile leisten, Jobangebote ablzuehnen?

MB: Abgesehen davon, dass es mir monetär ganz gut geht, besteht der wahre Luxus für mich tatsächlich darin, dass ich mir meine Jobs aussuchen kann und nicht mit Arschlöchern arbeiten muss.

NN: Was hat Sie geprägt, zu dem zu werden, der Sie heute sind? Wer waren Idole oder Inspirationsquellen?

MB: Wahrscheinlich war es eine Kombination aus mehreren Faktoren. Zu einer wichtigen Inspiration für meine Entwicklung gehört definitiv das Ruhrgebiet, meine Heimat. Wie sonst in kaum einer anderen Region sind die Menschen hier sehr kommunikativ und schlagfertig. Der typische Pottler redet unheimlich viel, das liegt ihm einfach im Blut. Im Pott wimmelt es von Verbalpistoleros, die man vielleicht auf den ersten Blick nicht erkennen würde, die aber gerade deswegen so amüsant sind. Ich selbst habe eine angeborene Verhaltensauffälligkeit, die mir in meiner Entwicklung bestimmt geholfen hat. Schon bei Wohnzimmerperformances als Fünfjähriger habe ich großen Applaus für meine Imitationen geerntet. Wahrscheinlich waren es genau diese Momente, in denen ich gemerkt habe, dass Unterhaltung mein Steckenpferd werden könnte.

Im Fernsehen habe ich mich für Sendungen wie „Schmidteinander“ mit Harald Schmidt und Herbert Feuerstein begeistern können. Hape Kerkeling und Helge Schneider aus den frühen 90-ern – die beiden waren die prägendsten Figuren für mich.

NN: Was wäre Ihr Plan B gewesen?

MB: Ich hatte nie eine Alternative zu dem, was ich heute mache. Hallelujah, ein Glück, dass das bisher so gut gelaufen ist. Ich begann 1990, Sozialwissenschaften zu studieren, weil ich meine Zivildienstzeit bei der AWO  in Castrop-Rauxel sehr interessant fand. Ich habe dann schnell feststellen müssen: das ist nichts für mich! Wenn man sich für ein Berufsfeld entscheidet, muss man ehrlich zu sich sein. Glücklicherweise war das bei mir schon nach einem halben Semester klar, sodass ich nicht viel Zeit verloren habe. Ich hätte mir sonst später wahrscheinlich vorgeworfen, nicht das getan zu haben, wofür mein Herz schlägt.

NN: Während unserer Trinkpause vorhin haben Sie erzählt, dass Sie letzte Woche auf Ihrer Facebook-Seite vermeintlich Flaches über Daniela Katzenberger, Mario Barth und Georgina Fleur geschrieben haben und dabei eine höhere Reichweite erzielt haben als sonst. Ist Trash immer noch eine Erfolgsformel?

MB: Das ist eine Mischkalkulation. Ich habe ja auch erzählt, dass mich nicht nur die Likes, sondern auch die Anzahl der Klicks überrascht haben. Ich bin eitel genug, um ehrlich festzustellen, dass ich mich freue, wenn etwas von mir Produziertes große Resonanz hat. Das muss ich fairerweise sagen, sonst würde man sich ja den ganzen Stress im Mediengeschäft nicht antun. Allerdings versuche ich, der Versuchung zu widerstehen, nur Sachen öffentlich zu produzieren, von denen ich sicher weiß, dass sie gut und erfolgreich funktionieren. Dafür wäre ich mir selbst zu schade, auch wenn das vielleicht komisch klingt. Ich bemühe mich immer, mein Publikum herauszufordern.

NN: Was möchten Sie mit Ihren Gags  beim Zuschauer bewirken? Hat Humor auch eine soziale, vermittelnde Funktion?

MB: Mir ist es wichtig, dass meine Zuschauer sich gut unterhalten fühlen, dass sie intelligenten Humor erfahren, dass sie überraschende Pointen erleben. Dazu gehört übrigens auch, dass sie erkennen, wieviel Mühe hinter einer Sendung steckt. Wenn sie dann anschließend noch über einen klugen Gedanken nachdenken, macht mich das besonders glücklich.

NN: „Wenn meine Großmutter und mein bester Kumpel zusammen vor dem Fernseher lachen, dann ist bereits eine Unterhaltungssendung gelungen.“, haben Sie einmal zusammengefasst. Wie definieren Sie guten Humor?

MB: Guter Humor ist für mich persönlich die Vermittlung von Schmerz und Wahrheit, versehen mit einer guten Pointe. Mindestens genauso wichtig ist das Überraschungsmoment, das Unerwartete, das Quergedachte. Die Dinge aus einer ganz anderen Perspektive zu betrachten, ist die hohe Kunst von gutem Humor. Es klingt banal, aber eine alienartige Idee trägt viel dazu bei. Die Serie „Alf“ war damals zum Beispiel deshalb so erfolgreich, weil die Hauptfigur Alf für uns selbstverständliche Dinge aus einer ganz neuen Perspektive betrachtet hat. Billiges Beispiel: einfach eine Katze aufessen. Als Zuschauer ist man irritiert und denkt: „Das kannst du doch nicht machen, das ist unlogisch.“ Aber warum eigentlich nicht? Unterhaltung wird anspruchsvoll, wenn wir ihre festgefahrenen Strukturen mit zunächst realitätsfernen Idee konfrontieren!

Stadionhumor entspricht nicht meinem Geschmack. Da sind die Pointen zu einfach, sie erreichen lediglich den kleinsten gemeinsamen Nenner. Ähnliches läßt sich im Musikbereich beobachten. Viel Musik wird von vornherein so konzipiert, dass sie im Radio häufig gesendet werden kann. Es fehlen Ecken und Kanten und es wird sich auf den Massengeschmack konzentriert. Für mich ist das eine unehrliche Art von Humor. Man hat ja schließlich mal angefangen, um einer bestimmten Öffentlichkeit das zu erzählen, was einem am Herzen liegt. Das verliert sich – zumindest ist das mein Eindruck – bei manchen Fernsehschaffenden mit der Zeit. Unser Ziel kann sich doch nicht ernsthaft darauf reduzieren, so viele Leute wie möglich in ein Olympia-Stadion zu locken!

NN: Hat die Masse eigentlich immer schlechten Geschmack?

MB: Masse muss nicht zwingend Schlechtes bedeuten. Serdar Somuncu spielt mittlerweile auch 2000er-Hallen und hat trotzdem einen sehr unbequemen Stil und geht dabei schmerz- und scherzhaft vor. Er hat sich eben nicht an den Massengeschmack verkauft, sondern traut den Leuten etwas zu. Manchmal mutet er ihnen sogar Einiges zu. Ein anderes Beispiel, mit dem ich gerne erkläre, dass Massenkompatibilität und niveauvoller Humor sich nicht ausschließen, ist die Fernsehserie „Die Simpsons“. Hier klatscht der Feuilletonist in die Hände, weil er im Hintergrund einer Szene eine wunderbare Hommage an Fritz Langs „Metropolis“ entdeckt. Im nächsten Moment wird Homer stumpf mit einem Football abgeschossen, direkt gefolgt von einer nächsten Anspielung auf „Der Fänger im Roggen“.

NN: Kann man Humor als Kunstform wie am Fließband fabrizieren?

MB: Ich habe festgestellt, dass an Tagen, an denen es mir nicht so gut geht, ich trotzdem lustig sein kann. Humor ist auch Handwerk. Du kannst sehr betrübt sein und dennoch weißt du, für welche Situation du in welche Schublade greifen musst. Das ist Handwerk plus Inspiration. Nicht jeden Tag hat man einen zündenden Gedanken. Da ist es sinnvoll, mal vom Rechner aufzustehen, durch die Stadt zu gehen, sich unter Leute zu begeben.

NN: War das auch so, als Sie in Ihrer Kolumne „Sorry, ich bin privat hier“ über die Restaurantkette Vapiano als „pseudomediterrane Sättigungsfabrik für Menschen, die sich zu fein für McDonald’s, aber zu geizig für anständige Restaurants sind“ geschrieben haben?

MB: Die Vapiano-Story ist ein gutes Beispiel für eine Geschichte, die ich nur aus dem Bauch heraus geschrieben habe. Anfangs wollte ich nur meine Meinung wiedergeben, musste aber bald feststellen, dass es wahnsinnig vielen Deutschen ähnlich geht, es nur noch nie so ausgedrückt haben. Obwohl es eigentlich nur um ein schlichtes, unkommunikatives Restaurant-Prinzip ging, habe ich ein „Endlich sagt es mal einer!“-Gefühl entlocken können. Und das ist das, was uns in diesem Falle auszeichnet: Wir finden ein, zwei nette Formulierungen, auf die Andere vielleicht nicht sofort kämen.

NN: Sie schreiben zusammen mit Jens Oliver Haas die Moderationstexte und Witze für das „Dschungelcamp“. Für alle Rollkragenpulli-Träger, die nur arte gucken und entsetzt über die Dschungelcamp-Grimmepreis-Nominierung 2013 im Feuilleton gelesen haben: Was macht die Sendung zu gutem Fernsehen?

MB: Es ist gutes Fernsehen, weil das Dschungelcamp die glänzende Fassade von Leuten runterkratzt. Natürlich spielt der ein oder andere dieser Personen nicht mehr in der Ersten Liga, sie sind trotzdem noch bekannt und werden gerade durch ihre Abstinenz im Fernsehen wieder interessant. Im Dschungel sieht man, was sich hinter Fernsehfiguren verbirgt. Man versteht, wie schäbig sie teilweise hinter ihrer Fassade sind. Und das ist es doch eigentlich, was ein neugieriger Fernsehzuschauer wissen will, vergleichbar mit der B-Seite der BUNTE. Es geht nicht immer nur um Schadenfreude, sondern auch um tiefgründige Momente und unbequeme Wahrheiten. Auch das Engagment, das hinter der Sendung steckt, ist preiswürdig. Wie bei Jan Böhmermanns Sendung Neo Magazin Royale oder Circus Halligalli merkt man, dass ein Team hinter den Sendungen steckt, das sich für das Produkt begeistert. Ein dritter Grund für die Grimmepreis-Nominierung ist unsere Selbstironie. Wir ironisieren die Mechanismen des Fernsehens und des eigenen Senders. Das klingt einfach, aber funktioniert selten. Mit Engagement und Selbstironie das Fernsehen zu dekonstruieren, das sind für mich anspruchsvolle Erfolgsmechanismen.

NN: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten keine Marktstrategie.

Wie gehen Sie mit Hindernissen, Kritik und Scheitern um? Einige Ihrer Sendungen wurden bereits nach kurzer Sendezeit wieder abgesetzt.

MB: Im Fernsehen ist Scheitern die Norm. Warum eine Sendung zumindest quotentechnisch nicht läuft, dafür gibt es unterschiedliche Gründe, die für einen Mitwirkenden nicht immer verständlich kommuniziert werden. Ich habe an Sendungen gearbeitet, die ich vor der Kamera meines Erachtens sehr gut gemacht habe und dementsprechend erfolgreich liefen.

NN: … wie z.B. „German Angst“, eine Serie, die eine Staffel lang auf ZDF neo lief?

MB: Zum Beispiel, ja. Es gab aber auch Sendungen, die nur in Ordnung waren, wie z.B. „Die Pyramide“. Am Ende dieser Sendung stellte ich fest, dass ich eher den Moderator gespielt habe, insgesamt aber nicht authentisch bei mir selbst war. Ich kann immer nur empfehlen, bei sich selbst zu bleiben, weil diese Arbeit automatisch immer die beste sein wird. Das muss sich nicht automatisch in der Quote spiegeln, ist insgesamt aber erfüllender. Man darf Niederlagen nicht zu nah an sich heranlassen, Zweifel sollte man versuchen zu isolieren. Kritik generell versuche ich zu unterteilen. Wenn mich jemand pauschal kritisiert, im Sinne von „Ich kann den Typen nicht sehen, ich mag den nicht“, dann finde ich das überhaupt nicht schlimm. Wenn ich mich ertappt fühle, dann ärgere ich mich hingegen sehr. Wenn ich vielleicht schlecht vorbereitet oder Pointen flach waren, weil ein Kollege ein Thema, vor zwei Jahren schon einmal benutzt hat, es ihm aber lustiger und besser gelungen ist, usw. Das würde mich treffen, weil es meine Professionalität betrifft.

NN: Sie verschaffen Fernsehmoderatoren Applaus und Anerkennung. Das Publikum denkt, Oliver Welke von der „heute-show“ verfüge über einen originellen Humor. Stellen Sie Ihre eigene Person zurück, weil sie selbstlos oder resigniert sind?

MB: Die Frage zielt wohl eher darauf ab, ob ich neidisch auf diese Leute bin, oder?

Ich freue mich wirklich, wenn ein Gag funktioniert, dabei ist fast egal, wer ihn vorträgt. Wenn etwas nicht gut funktioniert, dann ärgert es mich aber tatsächlich umso mehr. Andererseits kann ich mich damit auch schützen. Bei schlechter Resonanz schiebe ich die Schuld gern den Moderatoren zu: „Was für ein Trottel! Der bringt den Gag falsch rüber, so kann der ja auch nicht funktionieren.“ Ansonsten gibt es ja Möglichkeiten, mit denen ich mich zwischendurch auch selbst vor die Kamera oder vor ein Publikum stellen kann, um meine Profilneurose auszuleben.

NN: Seit zehn Jahren arbeiten Sie freiberuflich und sind viel unterwegs. Brauchen Sie diesen Nomaden-Stil zur Inspirationen oder könnten Sie genauso lustig sein, wenn Sie jeden Tag in ein und dem selben Büro säßen?

MB: Das hängt natürlich von den Leuten ab. Auch eine Festanstellungen kann total inspirierend sein. Bei der heute-show sind theoretisch fast alle freiberuflich, praktisch jedoch quasi fest angestellt, weil sie 35 Wochen im Jahr dort ihre Zeit verbringen. Brillante, frische Köpfe. Die hauen die gedankliche Flipperkugel in Ecken, die man alleine nicht erreichen würde.

NN:  „Die nächsten zwei Jahre kann ich gerade mal finanziell überblicken“, haben Sie neulich in einem Interview gesagt. Wie wirkt sich diese Unsicherheit auf Ihre Arbeit aus?

MB: Wenn ich jetzt alle Angebote annehmen würde, könnte ich trotzdem nie so viel Kohle beiseite legen, dass es für den Rest meines Lebens reichen würde. Man sollte seinen Job ordentlich erledigen, nicht jeden Blödsinn mitmachen, egal wie groß die finanziellen Ansprüche sind. Dazu gehört viel Geduld.

NN: Gibt es unrealisierte Projekte, die Sie unbedingt in die Tat umsetzen möchten?

MB: Als Fernsehsendung wär eine Talksendung wirklich das einzige Format, was mich ernsthaft interessieren würde. Mir liegt das Reaktive. Ich interessiere mich für Leute und sitze gerne mit ihnen zusammen, um zu reden. Humor entsteht ja aus einem Talk, einem Gespräch, heraus. Das ist die schönste Art und Weise, Pointen zu servieren, weil es aus einem Gespräch heraus spontan entsteht. Eine gute Talkshow ist vielleicht sogar das beste Comedy-Format. Je nachdem, mit wem man gerade den verbalen Doppelpass spielt, können dabei die besten Gags entstehen. Die perfekte Fernsehsendung ist eine Mischung aus ernsten Gedanken, interessanter Information und intelligentem Humor.

NN: Also eine „Roche und Böhmermann“-Version à la Micky Beisenherz?

MB: Ja, nur vielleicht mit zwei Moderatoren, die sich mehr für andere Menschen interessieren als für sich selbst.

 

 

Nora Nagel studiert Philosophie, Politik und Ökonomik. Sie findet es lustig, wenn Rudi Carell singt, sich dabei mit einem Tau über Synchronschwimmerinnen schwingt, Hape Kerkeling in „Kein Pardon“ öffentlich-rechtliche Klischees bestätigt und wenn sie von sich in der dritten Person schreibt. Wenn sie groß ist, möchte sie natürlich was Seriöses machen (siehst du, Mami?).