Chauvinismus ade – Politisches Kabarett als Plädoyer für aufgeklärten Journalismus

Im Gespräch mit dem Kabarettisten und Chef der ZDF - Satiresendung „Die Anstalt“, Max Uthoff über die Boulevardisierung der Medien und neue Aufmerksamkeitsbühnen.

Schwarzer Anzug, eng gebundene Krawatte, die Haare dicht nach hinten gekämmt. So kennt man ihn und genauso steht er gewohnt lässig und mit einem leichten Grinsen im Gesicht auf der Bühne des Spiegelzeltes in Dortmund. Sein Markenzeichen neben Anzug und Krawatte, das Sprachrohr, hat er soeben bei Seite gelegt. Nun geht es ans Eingemachte: „Alles hat ein Ende – nur die Gier hat keins“. Mit diesen Worten beschreibt Max Uthoff in seinem Soloprogramm „Gegendarstellung“ die Machenschaften der Finanzdienstleistungsbranche. Es ist bereits das dritte Soloprogramm mit dem der gelernte Jurist durch Deutschland tourt. Doch jetzt, nach der Sommerpause, beginnt die Zeit seiner Sendung „Die Anstalt“ wieder, welche er zusammen mit dem Kabarettisten Claus von Wagner und dem Redakteur Dietrich Krauß führt und die einmal monatlich im ZDF ausgestrahlt wird. In ihrer Sendung betreiben die beiden Grimmepreisträger „faktenbasierte Satire“ die, wie Max Uthoff nicht müde wird zu betonen, „einfach gründlich recherchiert ist“. Die beiden sprechen in ihrer Sendung Themen an, die auch mal weh tun können. So veröffentlichten sie im letzten Jahr die Verstrickungen zwischen Medien und „transatlantischen Swingerclubs“ (gemeint sind Lobbyvereinigungen wie beispielweise die „Atlantikbrücke“) was dazu führte, dass zwei der angesprochenen Journalisten der ZEIT eine einstweilige Verfügung gegen die Sendung erhoben. Für positive Schlagzeilen sorgten sie, als in ihrer Sendung vergangenes Jahr ein syrischer Flüchtlingschor auftrat, welcher die Tragik der Flüchtlingskrise ohne große Fachsimpeleien zu beschreiben versuchte. Der Grimme-Preis folgte prompt.

Die Zeiten haben sich geändert. Während früher um 20:00 Uhr in den meisten Haushalten die Tagesthemen angeschaltet wurden, werden heute immer mehr satirische Sendungen gezeigt, die in ihrer Bissigkeit und mit schwarzem Humor völlig neue Perspektiven bei den Zuschauern entstehen lassen. In diesem Zusammenspiel von alternativen Sichtweisen auf gesellschaftspolitische Themen und authentischen Kabarettisten erfährt dieses Format eine neue Glaubwürdigkeit beim Zuschauer. Entwickelt sich mit einer Sendung wie „Die Anstalt“ ein neues Modell eines unabhängigen, „wirkmächtigen“ Nachrichtenformats?

Es ist einer dieser gewöhnlichen Sommertage im Pott. Mal scheint die Sonne und die Temperaturen steigen auf Südfrankreich-Niveau, kurze Zeit später ist es wieder bewölkt und man bereut es, nicht doch den Pullover mitgenommen zu haben. Ich befinde mich bereits auf dem Weg zum Interview. Ein letztes mal gehe ich die Fragen durch, die ich Max Uthoff stellen möchte. Die Zukunft interessiert mich. Wo er die Zukunft der Medien sieht und wie sich Europa entwickeln wird. Aber auch über seine Sendung, seine Rolle in der Gesellschaft und über das Bildungssystem werden wir debattieren.

Max Uthoff erwartet mich bereits im Eingangsbereich des Hotels. Diesmal ohne Anzug und Krawatte sondern mit einfacher Jeans und blauem Shirt. Ganz anders wirkt er so. Er habe nicht gut geschlafen und bräuchte jetzt erstmal einen Kaffee, schließlich muss er nach dem 60-minütigen Interview weiter nach Stuttgart, der nächste Auftritt wartet schon. Wir setzen uns also raus in den Garten und sind glücklicherweise ungestört. Er fragt mich nach meinem Studiengang. „Philosophie und Kulturreflexion“ antworte ich. Der Kaffee kommt, das Aufnahmegerät steht auf Play, es kann losgehen:

Flavio von Witzleben: Herr Uthoff, wie geht es Ihnen heute?

Max Uthoff: Mir geht’s jetzt sehr gut, weil ich trotz des minimalen Schlafes in einer angenehmen, komfortablen Situation bin. Ich sitze hier, trinke Kaffee, das ist es was wir tun sollten, alle, den ganzen Tag.

FvW: Was gibt es Schöneres?

MU: Wir machen das viel zu selten, das ist ja genau das Problem unserer Zeit, wir sind schon am Kern unseres Gespräches angekommen, schon nach 20 Sekunden…

FvW: Gefällt es Ihnen hier im Pott?

MU: Ich mag die Leute, ich mag die Art, ich mag das Direkte. Ich finde die Art der Menschen ganz toll. Vielleicht entwickelt sich auf Grund der ästhetischen Missbildung der Fassaden, der Häuser und der Stadt sich ein Humor bei den Leuten als Gegenmaßnahme. Wer weiß, vielleicht rührt daher auch der englische Humor aus den ganzen Arbeiterstädten, dass die Leute anfangen Witze zu machen, weil sie auf keine hübsche Fassade gucken können.

FvW: Ihr Vater war Gründer des Rationaltheaters in München. In der Retrospektive, wie sehr hat das Ihre Jugend geprägt und wie würden Sie sagen, hat es dazu beigetragen , dass Sie der geworden sind, der Sie heute sind?

MU: Selbstverständlich besteht das ganze restliche Leben als Erwachsener irgendwie in dem Versuch, die schönen Dinge der Kindheit zu reproduzieren und vor den schlechten Dingen der Kindheit wegzulaufen. Wir sind alle wahnsinnig geprägt von unserer Kindheit, das ist auch gut so. Ich bin ja in einem Familienbetrieb groß geworden da stand ich mit 11 Jahren schon an der Garderobe. Ich war als kleiner Junge schon immer mit dabei und habe tolle Sachen gesehen, es war für mich als Kind eine tolle Zeit, keine Frage. Ich durfte ja auch ewig aufbleiben. Ich bin danach teilweise mit den Künstlern mitgegangen und durfte mit meinen Eltern noch in irgendeiner Kneipe abhängen. Gemeinsam mit meinem Bruder sind wir auf dem Schoß der Eltern nachts um eins einfach eingeschlafen. Die Leute haben getrunken, geraucht und gelacht, das war toll.

FvW: Hatte ihr Vater eine Art Vorbildfunktion für Sie?

MU: Ich kann das schlecht beurteilen, weil ich es mir ein bisschen zur Aufgabe gemacht habe, das eigene Leben und die eigene Psyche nicht zu sehr zu bespiegeln, ich komme da nicht so weit. Das mag an einer mangelnden Befähigung, einer mangelnden Distanziertheit liegen. Aus dem Bauch heraus würde ich sagen, dass mein Vater Rollenmodell und Vorbild ist, weil er ein großartiger Kerl ist. Er hat Humor und er kann alles. Das ist einer der Gedichtbände veröffentlicht hat, der Lyrik geschrieben hat, der gleichzeitig Geschäftsmann ist und auch noch alles reparieren kann. Er kommt ja aus einer Generation als man das Radio, wenn es nicht funktioniert hat, aufgeschraubt hat, nachgeschaut hat und dann selbst repariert hat. Notfalls mit Teilen, die man sich zurecht gebogen hat.

FvW: Heute unvorstellbar…

MU: Unvorstellbar! Erstens würde man das Ding gar nicht aufkriegen, zweitens würde man das Innenleben nicht ansatzweise verstehen und drittens hätten wir die Zeit dazu gar nicht. Wir leben einfach in einer Wegwerfgesellschaft, in denen jeder von uns dazu neigt das Ding wegzuschmeißen und was Neues zu kaufen. Es ist erstaunlich was für ein Niveau und Tempo die Wegwerfgesellschaft schon erreicht hat.

FvW: Ist ja auch sehr bequem immer alles wegzuschmeißen…

MU: Natürlich, die ganze Moderne ist ja auf die Bequemlichkeit des Menschen ausgerichtet, gleichzeitig zwingt sie ihn ständig zur körperlichen und geistigen Selbstausbeutung, erstaunlicher Widerspruch eigentlich.

FvW: Sie haben ja kein Facebook, haben Sie sich bewusst gegen Facebook entschieden?

MU:. Ich habe das Bedürfnis noch nicht ganz nachvollziehen können. Ich habe mir überlegt mache ich es, mache ich es nicht. Ich habe den Claus (Claus von Wagner, leitet mit ihm „Die Anstalt“, Anm. d. Red.) und andere Kollegen die das machen gefragt: „Ganz ehrlich, wie viel Zeit wendest du jeden Tag für dein Facebook oder Twitter Account auf?“. Die ehrliche Antwort lautet dann: „Ne halbe, dreiviertel Stunde“. Die Zeit muss ich haben, und ich würde sie mir nehmen, ich will sie mir aber nicht nehmen.

FvW: DER SPIEGEL hat vor kurzem ein sehr umstrittenes Cover veröffentlicht auf dem ein Grieche stereotypisch dargestellt wird und das ganze die Überschrift trägt: „Unsere Griechen-Annäherung an ein seltsames Volk“, was halten Sie von solchen Titelbildern?

MU: Ich muss sagen zum Glück gibt es Zeitschriften wie das Titanic-Magazin. Die waren wieder sehr schnell mit der Parodie und haben den Griechen einfach durch einen Juden ersetzt, wodurch sie einfach klar gemacht haben, was für eine Auffassung da vorherrscht. Das ist ein bisschen schade, weil ich bei der Printausgabe vom Spiegel ein bisschen die Hoffnung hatte, dass durch den Wechsel in der Chefredaktion es sich wieder mehr in Richtung des alten Spiegels ergeben könnte, der ja früher zumindest ein bisschen pluralistischer in seiner Meinungswiedergabe war. Das hat sich dann doch erstaunlich vereint auf einen gewissen Meinungskorridor. Solch ein Titelbild ist natürlich verheerend, weil man sich auf die Ausrede das sei eine Karikatur, schlecht zurückziehen kann, wenn es denn eine fremdenfeindliche, eine stereotype, eine chauvinistische ist.

FvW: Würden Sie so etwas schon als Hetze bezeichnen?

MU: Das ist einfach plumper Chauvinismus. Er fällt halt in eine sehr aufgebrachte, leidenschaftliche Zeit, in der es für die Leute in Griechenland um sehr viel geht. Es erscheint mir nicht als Hetze sondern schlichtweg als dumm. Und dummer Chauvinismus schrappt in so einer Zeit natürlich an der Hetze entlang.

FvW: Es ist ja nicht das erste mal, dass DER SPIEGEL mit einem solchen Titelbild für Aufregung sorgt. Ich erinnere mich noch: Im letzten Jahr titelten sie nach dem Absturz von Flug MH17 über der Ukraine „Stoppt Putin jetzt“. Zu diesem Zeitpunkt konnte man nicht im geringsten wissen, wer dafür verantwortlich ist. Ist so etwas überhaupt noch ernst zu nehmender Journalismus?

MU: Das Dumme ist, dass es man es in diesem Fall tatsächlich sehr ernst nehmen musste. Das war kein seriöser Journalismus. Aber es war ein doch recht widerlicher Versuch der Instrumentalisierung von Flugzeugopfern ohne jede Ahnung zu haben, wer dahinter stecken könnte. Ein Kriegsrund gegen Putin zu zimmern, erstaunlich billig und reißerisch, da machen wir uns nichts vor, das hatte „Landser“-Niveau (DER LANDSER war ein wöchentlich erscheinendes Heft, welches kriegsverherrlichende Geschichten aus dem 2. Weltkrieg veröffentlichte, Anm. d. Red.). Das war der Versuch des SPIEGELS sich immer besonders reißerisch und besonders mutig zu suggerieren statt einfach mal Fakten sprechen zu lassen und einfach mal vernünftig zu formulieren, was man als Journalist ja auch mal machen kann. Der Spiegel ist in der Tat durch die ständigen „Ausfälle“ kaum noch ernst zu nehmen.

FvW: Die Frankfurter Rundschau bezeichnete Ihre Sendung in einer Online-Ausgabe des letzten Jahres als „Ken-Jebsen-Stammtisch“ mit einem Foto von Ihnen und Claus von Wagner unter dem geschrieben stand „Max Uthoff und Claus von Wagner mögen Putin“…

MU: (Lacht laut auf) Jaja, Spitzenjournalismus der ja in der Frankfurter Rundschau immer wieder vorkommt.

FvW: Verunsichert Sie so etwas manchmal oder gehen Sie damit ganz entspannt um ?

MU: Es verunsichert mich in diesem Fall nicht, weil es so angenehm schlecht gemacht ist. Die treffende, genau beschreibende Kritik ist etwas, das einen mehr verunsichert, weil es einen mehr zum Nachdenken bringt und man zurücktritt. Ich halte es auch für Unfug, dass man eine wohl dosierte und treffende Kritik einfach wegwischt und nicht beachtet. Wir hatten ja auch schon Kritiken bei denen ich gesagt habe: „Okay, kann man drüber nachdenken und auch drüber reden“ auch bei meinem Soloprogramm. Aber diese Kritik war nun wirklich nicht ernst zu nehmen. Auch die Kritik die wir vom Tagesspiegel bekommen haben…das hatte was von erfrischendem Dilettantismus, von einer Art und Weise, bei der man sich einfach eine Flasche Rotwein aufmacht und herzlich lacht, weil jeder Satz falsch ist und jeder Satz schlecht formuliert ist. Und das hat nichts mit beleidigtem Ego zu tun sondern es ist schlichtweg aus dem Grundkurs Kritik aus der Journalistenschule eine Themaverfehlung.

FvW: Herr Uthoff, Sie haben jetzt im Sommer fast täglich Auftritte vor hunderten von Leuten, ihre Sendung gewinnt immer mehr an Zuspruch und ihre Videos auf Youtube haben zum Teil mehr als 500.000 Klicks. Wo sehen Sie denn Ihre Rolle in der Gesellschaft? Sehen Sie sich mehr als ein Kabarettist der sich kritisch über gesellschaftspolitische Themen äußert oder sehen Sie sich mehr als Aufklärer?

MU: Vielleicht spielt da das familiär erlebte von damals im Rationaltheater eine Rolle, weil mein Vater schon damals Kabarett als Aufklärung gemacht hat. Er hat schon damals faktenbasiertes Kabarett gemacht. Mein Vater hat zweieinhalb Stunden Programm gemacht über Kindesmisshandlung in Deutschland vom Säugling bis zum Bückling, da gab es nur Fakten und zwar so hart, dass die Leute dann halt gegangen sind oder es nur schwer ertragen haben. Dass heißt der Unterhaltungswert stand da gar nicht im Vordergrund. Nun ist es aber so, dass „Die Anstalt“ nicht nur auf meinem Mist alleine gewachsen ist sondern wir sind drei Leute. Wir sind ein enges Team und wir sind im Gespräch darauf gekommen, uns monothematisch zu präsentieren so dass es uns möglich ist, ein Thema von verschiedenen Seiten anzugehen. Das erlangt dann sofort eine gewisse Tiefe und Nachhaltigkeit, es bleibt eher etwas hängen und wir nehmen uns die Freiheit, auch mal zwei Minuten lang einfach Fakten zu präsentieren um aufzuklären. Da wir ja mit „Der Anstalt“ die Möglichkeit haben, Meinungen die jenseits des Mainstreams auf kleineren Internetseiten bekannt sind und weitergegeben werden die es aber niemals ins große Medium schaffen, in die Sendung zu integrieren und dort noch mal zu multiplizieren. Kabarett kann auch durchaus Informationen multiplizieren und vervielfachen. Kabarett kann und darf alles. Lassen Sie uns die Frage, ob Satire alles darf heute nicht diskutieren, die ist so wahnsinnig unergiebig…

FvW: Sie haben ja im Vergleich zu vielen anderen Sendungen sehr viel Vorbereitungszeit (einen Monat, Anm. d. Red.), so dass Sie in dieser Zeit sehr viel recherchieren können. Die Neue Züricher Zeitung bezeichnete daher ihre Sendung in einem kürzlich erschienen Artikel als „investigative Satire“. Wie sehr trifft das auf Ihre Sendung zu?

MU: Investigativ ist vielleicht ein Adjektiv, das eine Spur zu weit geht…

FvW: Sie lesen die Quellen wohl einfach etwas genauer…

MU: Wir lesen vor allem viele Quellen. Es ist einfach recherchiert und vor allem gründlich recherchiert. Ich sage das ganz ausdrücklich, weil ich mich bei meinen beiden Kollegen entschuldigen musste, weil ich in einer flapsigen Bemerkung in einem Interview neulich gesagt habe, wir würden nicht recherchieren sondern die Arbeit von guten und schlechten Journalisten ausschlachten. Das stimmt so natürlich nicht, denn wir recherchieren schon und ich bin mir ziemlich sicher, dass vor allem Claus und Dietrich (Dietrich Krauß, Redakteur der Sendung, Anm. d. Red.) mehr recherchieren, als die meisten Journalisten. Wir recherchieren schon, nur sind wir eben nicht investigativ im Sinne von wir gehen selbst vor Ort. Wir haben nicht die Zeit und das Budget in die Ukraine zu fahren und Leute auf der Straße zu interviewen. Wir müssen uns natürlich auf Quellen verlassen, die wir für seriös und glaubwürdig halten und auf diesen Quellen speist sich unsere Arbeit.

FvW: Die Rolle der amerikanischen Komiker John Oliver, Jon Stewart und Jan Böhmermann so wie auch Ihre Sendung „Die Anstalt“ wurden von der Süddeutschen Zeitung in einem Artikel als die „letzten wirkmächtigen Kräfte unserer Zeit“ bezeichnet. Schwappt diese Welle der Verschiebung der „Meinungsmacht“ hin zu den Kabarettisten und weg von den Massenmedien langsam auch nach Deutschland?

MU: Ja, es schwappt langsam nach Deutschland über. Der Erfolg und die Glaubwürdigkeit die Jan Böhmermann, die „Heute-Show“ und auch wir mit unserer Arbeit haben und das hingucken auch gerade der jüngeren Generationen, liegt nicht nur am spielerischen und am Unterhaltungsmoment. Es hängt auch damit zusammen, dass wir eben manchmal Dinge thematisieren, die es so in den Zeitungen und den Nachrichten nicht zu sehen gibt oder: Es gibt die Sichtweise so nicht zu sehen. Und das ist in den USA noch mehr als in Deutschland Ausfluss davon, dass die Nachrichten ganz stark an Qualität eingebüßt haben. Nachrichtenformate büßen bei uns seit 10-15 Jahren an Qualität ein. Wir erleiden eine Boulevardisierung der Medien die manchmal schon groteske Ausmaße annehmen, wenn Kommentatoren des ZDF sich bei einer Demonstration in Griechenland bei der laut „Ochi“ „Ochi“ („nein“ auf Griechisch, Anm. d. Red.) im Hintergrund gerufen wird, sich hinstellen und tatsächlich behaupten, hinter ihnen sehen sie die größte Demonstration für den Verbleib im Euro. Wo also die Realität um 180 Grad gewendet wird und das in den Hauptnachrichten. Dann weiß man schon, das hat einfach was mit mangelnder journalistischer Qualität zu tun.

FvW: Wo sehen Sie denn die Zukunft der Medien?

MU: Das wird interessant. Niklas Luhmann hat ja gesagt, dass unser Bild von der Welt letztlich durch Massenmedien transportiert wird. Was jedoch viel weniger bekannt ist, und das wird bei uns in den letzten anderthalb Jahren stark diskutiert, ist die Frage: Wie kommt dieses Bild zustande? Dass heißt, wie arbeiten Massenmedien? Und wie arbeiten Massenmedien in Zukunft? Da wird es dann spannend zu sehen, ob es Massenmedien überhaupt noch geben wird in Zukunft oder ob sie einen ähnlichen Weg gehen wie die angeblichen Volksparteien, die immer kleiner werden. Es wird immer mehr Splitterparteien geben, die kleinere Interessen vertreten. Vielleicht ist das dann spiegelbildlich bei den Massenmedien auch so. Das wir dann einfach sagen, die großen Zeitungen gehen zurück. Es gibt noch ein paar Zeitungen, die dann gelesen werden, etwa die Süddeutsche Zeitung, die sich über Wasser halten können. Aber ansonsten findet eine Zersplitterung statt. Ob das gut oder schlecht ist? Ich weiß es nicht. Es macht es schwieriger für eine große Sache zu mobilisieren, das sieht man ja. Man sieht ja die Selbstzerfleischung die auch in der Linken regelmäßig herrscht, wenn es darum geht, irgendeine Position zu formulieren. Da kommen dann 47 verschiedene Formulierungsvorschläge und alle zerhacken sich gegenseitig was natürlich auch ganz schön ist, weil das Meinungsspektrum breiter wird, und die Informationen nicht mehr so kanalisiert werden über ganz bestimmte Alphajournalisten, die in diesem Land ganz klar bestimmen, welche Nachrichten es auf die „Aufmerksamkeitsbühne“ schaffen.

FvW: Thema Bildung, an den Universitäten wurde ja seit der Bologna-Reform und dem damit einhergehenden Bachelor/Master-System die wissenschaftliche Einäugigkeit noch verschärft und es werden, meiner Ansicht nach, zum Großteil Fachidioten ausgebildet, die sich zwar auf ihrem Gebiet sehr gut auskennen, aber nie gelernt haben, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen. Herr Uthoff, muss nicht auch in diesem Bereich ein Paradigmenwechsel stattfinden?

MU: Selbstverständlich, schön wär’s! Das Humboldtsche Bildungsideal des breit gebildeten Menschen verträgt sich schlecht mit dem ständigen Krähen der deutschen Industrie nach einem angeblichen Fachkräftemangel der so nicht existiert. Die Spezialisierung wird immer weiter geführt, aber sie führt natürlich auch zu einer Verengung des Blickes und einer Verengung der Ausbildung. Das tut der Sache nicht unbedingt gut, weil wir über breite gesellschaftliche Dinge nicht mehr diskutieren und die Basis fehlt für eine breitere Diskussion über gewisse Themen. Wir sehen ja bei den verheerenden Bachelor/Master Studiengängen wohin es führt, nämlich zum Fachidiotentum…

FvW: Sie sprechen in ihren Sendungen selten über das Finanzsystem oder generell das Thema Geld an. Wäre es nicht mal an der Zeit auch dieser Thematik eine Sendung zu widmen oder schwingt da womöglich auch immer ein bisschen die Angst mit, als Antisemit oder gar Verschwörungstheoretiker bezeichnet zu werden?

MU: Das wird halt so behandelt. Der neue Antisemitismus äußert sich ja häufig bei meiner Meinung nach ziemlich ekelhaften Erscheinungen wie Jürgen Elsässer (Journalist und Aktivist sowie Inhaber der Zeitschrift COMPACT, Anm. d. Red.) der in jedem Editorial seiner Zeitung es nicht lassen kann, mindestens einmal das Wort Rockefeller oder Rothschild fallen zu lassen. Und Rothschild ist nun einfach mal die Signalwirkung, so wird es behandelt, nach dem Motto: „Die jüdische Weltverschwörung“. Das ist ein Reflex der ausgelöst wird. Man kann über Themen wie Zins und Zinseszins sprechen, man muss das so machen wie Graeber (David Graeber, („Schulden“, 2011) Autor, Anm. d. Red.) der über Schulden nachdenkt, über ihre Geschichte und die Entwicklung. Wir haben in der letzten Sendung vor der Sommerpause mal erwähnt, dass Angela Merkel im Grunde genommen gar nicht anders kann, als die Spionage der Amerikaner zuzulassen, weil es gewisse Gesetze gibt. Sie würde gegen geltendes Recht verstoßen, wenn sie die Spionage nicht zulassen würde um es mal auf einen Nenner zu bringen. Im Grunde genommen, müsste sie uns einen Kranz winden und sagen, dass es toll ist, weil wir sie ja im Grunde genommen damit exkulpieren. Wir haben da noch ein, zwei Sätze eingebaut die uns abgrenzen sollten von neuen rechten Gruppierungen. Aber es kam wie es kommen musste, der unsägliche Elsässer hat in seinem Magazin die Passagen vom Text abgedruckt aber die Sätze in denen wir uns abgrenzen von den „Querfrontlern“ da kam dann (…). Man kann sich vor der Vereinnahmung durch ideologische Flachpfeifen einfach nicht schützen.

FvW: Herr Uthoff, ich danke Ihnen für das Gespräch.

 

 

Dortmund, 16. Juli 2015

 

Flavio von Witzleben ist 23 Jahre alt und studiert Philosophie und Kulturreflexion im 3. Semester. Das er auf seinen Nachnamen angesprochen wird ist nichts besonderes, aber das der/diejenige den geschichtlichen Kontext einzuordnen weiß, ist durchaus eine Rarität, Chapeau Max! Ach ja und später würde er gerne mal „irgendwas mit Journalismus“ machen, aber wo es genau hingehen soll, kann er jetzt noch nicht sagen.